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Im Kino: „Die Haut, in der ich wohne“

Die Haut, in der ich wohne

Seltsame Konstellationen, gleich von Beginn an: ein undurchschaubarer Chirurg, Dr. Ledgard, (Antonio Banderas), der seinen Fachkollegen von Gesichtstransplantationen erzählt und in seinem Privatlaboratorium in einem abgeschiedenen Landhaus an einer künstlichen Epidermis arbeitet, die widerstandsfähiger sein soll als natürliche Haut. Eine daselbst gefangen gehaltene Frau (Elena Anaya) in einem hautengen, hautfarbenen Bodystocking, die Yoga-Übungen macht; Büsten, die sie mit Stofffetzen bekleidet; ihr Frühstück, das durch den Speiseaufzug in ihr abgeschlossenes Zimmer geliefert wird, mit Plastikfolien hermetisch abgedeckt wie mit eigenen Häuten. Überall sehen wir Haut und Hautähnliches. Man kann dem spanischen Regisseur Pedro Almodуvar wahrlich nicht vorwerfen, dass er ein einmal gewähltes Motiv vernachlässigt.
Die Haut, in der ich wohneSein neustes Werk ist ein Thriller, oder auch ein Horrorfilm, allerdings ganz ohne Schrei- und Schockeffekte, in dem es vor allem um Haut und um Darübergelegtes – Masken, Kleider, Schutzschichten – geht, aber auch um zeitliche Schichten: In Rückblenden erfahren wir, dass Dr. Ledgard eine psychisch schwer kranke Tochter hatte, die Zeugin des Selbstmordes ihrer Mutter wurde; die wiederum einen fatalen Autounfall mit schwersten Verbrennungen überlebt hatte und danach den Blick auf ihre zerstörte Haut nicht ertrug. Viel mehr von der Geschichte lässt sich nicht erzählen, ohne ihre überraschenden Wendungen vorwegzunehmen. Lose angelehnt hat sich Almodуvar an den Roman „Mygale“ des Franzosen Thierry Jonquet.
Ein Film über künstliche Haut: Natürlich kommentiert das auch die Auswüchse der modernen Schönheitschirurgie und ihre Ansprüche, Körper zu perfektionieren. Aber eigentlich ist die Haut hier wirklich nur Oberfläche, darunter lauern dieselben Themen, die Almodуvar schon seit drei Jahrzehnten beschäftigen und die er aus der schwulen Camp-Komödien-Ecke in den großen Festival-Mainstream und das (beinahe) familienverträgliche Melodrama überführt hat: sexuelle Verwirrungen, Perversionen, Frauen als Mütter, Nymphomaninnen oder Mörderinnen (oder alles zusammen), Homosexualität, die Fluidität der Kategorie „Geschlecht“ insgesamt, Schuld und Sühne (katholische Variante).
Die Haut, in der ich wohneNur wenige Regisseure haben eine solch eindeutige Handschrift, einen solch wiedererkennbaren Stil, solch durchgehend gleichbleibende Leidenschaften wie der Spanier. Das führt dazu, dass sich Almodуvars Filme, so unterschiedlich die Geschichten auch sein mögen, alle sehr ähneln, egal ob es sich um eine Komödie über hysterische Frauen oder einen Horrorfilm über einen verrückten Doktor handelt: schöne Menschen, satte Farben, grelle Kostüme, Maskeraden und Travestie; pralle Bilder des Lebens und Liebens und Sterbens; psychologisch eher unplausible Charaktere mit ungewöhnlichen Obsessionen, überraschende Plot-Turns, eine gehörige Dosis Extravaganz, ein Schuss Gender-Bending.
Und Antonio Banderas. Der später in Hollywood zum Latin Lover mutierte und an der Seite von Melanie Griffith in Ehren ergraute Schauspieler hat mit Almodуvar die ganzen wilden 80er-Jahre durchgedreht, von „Labyrinth der Leidenschaften“ über „Matador“, „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ und „Das Gesetz der Begierde“ bis hin zu „Fessle mich!“. Jetzt haben sie nach mehr als 20 Jahren wieder zueinandergefunden und Banderas trägt den Film mit einem emotionalen Minimalismus, der einen das Gruseln lehren kann. Aber auch dies wirkt in seiner Affinität zum Absurden fast gemütlich vertraut. Ein Film für Almodуvar-Liebhaber und solche, die es werden wollen.

Text: Catherine Newmark

Foto: TOBIS

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die Haut, in der ich wohne“ im Kino in Berlin

Die Haut, in der ich wohne (La piel que habito), Spanien 2011; Regie: Pedro Almodуvar; Darsteller: Antonio Banderas (Robert Ledgard), Elena Anaya (Vera), Marisa Paredes (Marilia); 117 Minuten

Kinostart: 20. Oktober

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