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Im Kino: „Die Jagd“

Die Jagd

Der Däne Thomas Vinterberg zehrt immer noch vom frühen Ruhm seines nach den Regeln der Dogma-Bewegung gefertigten Films „Das Fest“. 15 Jahre sind seit jener heftigen Familien-Party vergangen, bei der die Aufdeckung des dunklen Geheimnisses des Patriarchen für heftige Turbulenzen sorgte und die Feierlaune jäh erstickte. Nun legt Vinterberg eine zweite Arbeit zum Thema vor, nur dreht er den Spieß diesmal um: In einem kleinen dänischen Ort verbreitet ein Kind infame Lügen, um sich zu rächen und beliebt zu machen – und vernichtet damit die Existenz eines unbescholtenen Bürgers.
Der unschuldig Vorverurteilte sieht sich in „Die Jagd“ also dazu gezwungen, um seine verlorene Ehre zu kämpfen. Als allseits geschätzter Pädagoge im lokalen Kindergarten hat er mit Gegenwehr allerdings wenig Erfahrung; der Mann gilt als klug, sanftmütig und geduldig. Aber kein Kinospaß ohne dramatische Eskalation: Als ihn ein kleines Mädchen, die Tochter seines besten Freundes, eines offenen sexuellen Übergriffs bezichtigt, steht er unversehens allein gegen den Rest der Welt. Wehe, wenn der Lynch-Mob losgelassen!
Die Rollen sind hier klar verteilt: Der Mann ist das Opfer, das Kind der Täter – auch wenn es die Tragweite seiner Lüge nicht absehen kann. Ideologisch ist „Die Jagd“ alles andere als ungefährlich. Vinterberg benutzt seinen Realismus geschickt, um ein paar höchst banale Dinge festzustellen: Die Welt ist primitiv, und der Mensch neigt zu Gewalt und Ressentiment – außer er ist das von allen verlassene Filmopfer, mit dem wir mitzuleiden haben. Mads Mikkelsen ist ein hervorragender Schauspieler, aber auch er kann die Absurdität jenes Plots nicht mildern, dem er hier ausgeliefert ist: Der sympathischste Mensch dieses Planeten, geliebt von allen, wird im Handumdrehen zum Volksfeind Nummer eins, zur definitiven Hassfigur. Die Dramaturgie ist, wie schon in Vinterbergs heillos überkonstruiertem Trash-Trauerspiel „Submarino“ (2010), streng schwarz-weiß und entschieden sozialpornografisch: Keiner glaubt dem Helden, obwohl er doch so offenbar die Wahrheit spricht.
„Die Jagd“ ist ein Film, der auch deshalb weltweit auf nahezu ungeteilte Zustimmung stößt, weil er so simpel, letztlich auch so anspruchslos ist und weil er alle absehbaren Hakenschläge seiner Erzählung einhält, um zynisch (und handwerklich überaus gekonnt) die Emotions-Klaviatur einer als wehrlos eingestuften Kundschaft zu bearbeiten. Vinterbergs Spiel ist abgekartet – von der konservativen Form der Inszenierung bis zu den coolen Einzeilern, die dem Protagonisten hier in heißer Hollywoodmanier zugemutet werden. Das gleichsam auf Knopfdruck aktivierte Manipulationswerk dieses Films entspräche gern dem cleveren Sadismus Alfred Hitchcocks, orientiert sich aber leider eher an den Voyeurismus-Zeremonien des Unterschichtenfernsehens.

Text: Stefan Grissemann

Foto: Wild Bunch Germany

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Die Jagd“ im Kino in Berlin

Die Jagd (Jagten), Dänemark/Schweden 2012; Regie: Thomas Vinterberg; Darsteller: Mads Mikkelsen (Lucas), Thomas Bo Larsen (Theo), Susse Wold (Grethe); 120 Minuten; FSK 12

Kinostart: 28. März

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