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Im Kino: „Die kommenden Tage“

Die kommenden Tage

Keine Frage, unsere Endzeitfantasien sind geprägt vom Kino, vom Hollywood-Kino – wenn das Ende der Welt kommt, dann wird es so aussehen, wie es Roland Emmerich in „The Day After Tomorrow“ und in „2012“ gezeigt hat. Dass man für eine Endzeitstimmung aber nicht unbedingt die im Computer generierten und deshalb immer realistischer wirkenden Bilder der totalen Zerstörung braucht, beweist Lars Kraume mit „Die kommenden Tage“. Das Jahr 2012 steht bei Lars Kraume für den Anfang einer Geschichte, die sich über einen Zeitraum von acht Jahren erstreckt und in deren Mittelpunkt vier Menschen stehen. Statt eine ferne Zukunft fantastisch auszumalen, protokolliert der Film dabei die nahe Zukunft als Summierung und Zuspitzung von Gegenwartsproblemen. Die Erste Welt grenzt sich durch einen Schutzwall gegen die Flüchtlinge aus der Dritten Welt ab, der Verteilungskampf um Rohstoffe (zumal Erdölreserven) führt zu Kriegen, die Proteste dagegen werden von Terroristen geschürt. Vor diesem Hintergrund erzählt Kraume von vier jungen Menschen. Cecilia liebt Konstantin, doch der geht mehr und mehr in seiner Rolle als Mitglied der terroristischen Untergrundgruppe „Schwarze Stürme“ auf; Laura, ihre jüngere Schwester, verliebt sich in Hans, der gerade seinen Job in der Anwaltskanzlei ihres Vaters hingeworfen hat – angesichts des drohenden Verlustes seiner Sehkraft will er seine Zeit lieber zur Vogelbeobachtung nutzen. Seine Zukunft sieht er außerhalb der Zivilisation in einer entlegenen Berghütte. Doch Laura bleibt pragmatisch, sie will in Berlin ihre Dissertation fertigstellen. Als sie nach einer Fehlgeburt erfährt, dass sie aufgrund eines genetischen Defektes mit Hans keine Kinder bekommen kann, trennt sie sich von der Liebe ihres Lebens. Vier Jahre später beginnt sie eine Beziehung mit Konstantin, sie wird schwanger und muss erfahren, dass Konstantin sie als perfekte Tarnung für sein Doppelleben als Terrorist benutzt. Gleichzeitig gerät Cecilia unter Druck, ihre Loyalität gegenüber den „Schwarzen Stürmen“ zu beweisen. Eine Katastrophe bahnt sich an.
Die kommenden TageEin so großes Gesellschaftspanorama zu entwerfen, das hat sich ein deutscher Film schon lange nicht mehr getraut. Dass dies funktioniert, liegt vor allem daran, dass „Die kommenden Tage“ höchst konzentriert erzählt ist, im Verzicht auf überflüssige Massenszenen und mit kühnen Zeitsprüngen. Zugleich konzentriert sich „Die kommenden Tage“ auf seine Figuren. Hans kehrt der Gesellschaft individualistisch den Rücken, Konstantin will ihre Implosion durch Terror beschleunigen. Zwischen diesen beiden Polen stehen die Schwestern, Cecilia als die Leidende, deren Schmerz sich schließlich in einem (selbst-)destruktiven Akt entlädt, Laura als die naiv-optimistische, die ihren Kinderwunsch über alles stellt.
Während Johanna Wokalek (Cecilia), Daniel Brühl (Hans) und August Diehl (Konstantin) bereits zuvor Figuren verkörpert haben, die ihren Teil zur Veränderung der Gesellschaft beitragen wollten – Brühl in „Die fetten Jahre sind vorbei“, Diehl in „Dr. Aleman“, Wokalek in „Der Baader-Meinhof-Komplex“ – und damit hier beim Zuschauer Vertrautes abrufen können, ist die Laura mit einer Darstellerin besetzt, die zwar schon zahlreiche Fernsehfilme gemacht hat (und dafür zweimal mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde), aber im Kino kein vertrautes Gesicht ist: Bernadette Heerwagen spielt Laura, die als einzige in dieser chaotischen Welt einen klaren Kopf zu behalten scheint. Das lässt einen leicht darüber hinwegsehen, dass die Absolutheit ihres Kinderwunsches durchaus nicht unproblematisch ist. Am Ende hat sie erkannt, dass das Leben Chaos bedeutet, das ist für sie ein großer Schritt, der ein Stück Hoffnung im ambivalenten letzten Bild nicht ausschließt.

Text: Frank Arnold

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die kommenden Tage“ im Kino in Berlin

Die kommenden Tage, Deutschland 2010; Regie: Lars Kraume; Darsteller: Bernadette Heerwagen (Laura Kuper), Daniel Brühl (Hans), August Diehl (Konstantin); 129 Minuten; FSK 12

Kinostart: 4. November

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