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Im Kino: „Die Melodie des Meeres“

Die Melodie des Meeres

Wenn in Europa jemand den Ideen des japanischen Animationsgroßmeisters Hayao Miyazaki nahekommt, dann ist es der irische Regisseur Tomm Moore. Wie Miyazaki beschäftigt sich auch Moore mit den Mythen und Legenden seiner Heimat und übersetzt tagtraum-ähnliche Fantasy-Geschichten in universell verstehbare Erzählungen um die wichtigsten menschlichen Gefühle. Die Natur spielt dabei eine wichtige Rolle, bevölkert ist sie von Waldgeistern, Fabelwesen oder Hexen, die vielleicht anfangs böse scheinen, es aber nicht sind. Verschwinden sie, bleibt die Natur zerstört und arm zurück – und mit ihr auch das Gefühlsleben der Menschen.
Mit „Die Melodie des Meeres“ knüpft Moore künstlerisch nahtlos an seinen vorherigen Film „Das Geheimnis von Kells“ (2009) an, in dem sich ein in einem mittelalterlichen Kloster aufwachsender zwölfjähriger Junge von der Aura eines geheimnisvollen Buchs einfangen lässt und Abenteuer mit einer zauberhaften Waldfee erlebt. Der neue Film spielt zwar in der Gegenwart, erzählt jedoch ebenfalls eine mythische Geschichte: Der Leuchtturmwärter Conor lebt allein mit seinen beiden Kindern, weil deren Mutter eine mysteriös verschwundene Selkie ist, ein Fabelwesen, das an Land eine Frau, im Wasser jedoch ein Seehund ist.
Auch die kleine Saoirse, die ständig von ihrem Bruder Ben drangsaliert wird, weil er sie für das Verschwinden der Mutter verantwortlich macht, ist eine Selkie, in deren Hand gar die Rettung aller Feenwesen liegt, die von einer Eulenhexe bedroht sind. Doch dazu muss Saoirse erst einmal ihr Seehundfell finden und ihren Selkie-Song singen – was gar nicht so einfach ist, weil die Kinder mittlerweile von ihrer Oma mit in die Stadt genommen wurden, der Vater das Fell im Meer versenkt hat und Saoirse bislang noch nie einen Ton gesagt hat.
Stilistisch haben Tomm Moore und sein Art Director Adrien Merigeau zu einer ganz eigenen künstlerischen Gestaltung gefunden, in der trotz moderner Computersoftware noch ganz viel liebevolle Handarbeit steckt: Die Hintergründe wirken wie mit Wasserfarben gemalt, was insbesondere beim Spiel des Lichtes im Meer wunderbare Ergebnisse zeitigt, die Figuren hingegen sind mit wenigen Strichen überzeugend stilisiert. Etwas Schöneres wird man im Bereich des Trickfilms in den kommenden Monaten nicht sehen.

Text: Lars Penning

Foto: Cartoon Saloon / Melusine Productions / The Big Farm /  Superprod / Nшrlum / KSM

Orte und Zeiten: „Die Melodie des Meeres“ im Kino in Berlin

Die Melodie des Meeres (Song of the Sea), Irland/Lusemburg/Belgien/Frankreich/Dänemark 2014; Regie: Tomm Moore; Stimmen OF: David Rawle (Ben), Brendan Gleeson (Conor/Mac Lir), Fionnula Flanagan (Granny/Macha); ohne Altersbeschränkung; 93 Minuten

Kinostart: Do, 24. Dezember 2012

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