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Im Kino: „Die mit dem Bauch tanzen“

Die mit dem Bauch tanzen

„In 737 Tagen werd’ ich dreißig. Und schon das fühlt sich unsagbar schlecht an.“ Noch über dem Vorspann konstatieren ein paar hingestreute Sätze die Angst vorm Älterwerden und das Nichtangekommensein im Leben, obwohl schon so viele Träume auf der Strecke geblieben sind. Die Berliner Regisseurin Carolin Genreith diagnostiziert bei sich selbst eine akute Quarterlife-Crisis und macht sich auf in die westdeutsche Heimat in der Hoffnung auf eine solide Beweisführung in eigener Sache: Erstens hat sie es rausgeschafft aus dem Kaff. Und zweitens steht sie im Kontrast zur Mutter doch in der „Blüte des Lebens“.
Der Plan geht gründlich schief, dafür wird ein lustiger Film daraus. Denn die Mutter hat nach 25 Jahren Vater und Bauernhof verlassen, sich in einen jüngeren Mann verliebt und feiert ihre Weiblichkeit in der Bauchtanzgruppe. Ihre Tochter findet das zunächst skurril bis peinlich, entdeckt bei ihrer filmischen Nachforschung dann aber nicht nur den sinnlichen Reiz, sondern die Stimmigkeit dieses exotisch wirkenden Hobbys. Diese Frauen mit weitgehend traditionellen Biografien gewinnen nach dem Auszug der Kinder zum ersten Mal einen persönlichen Freiraum, der so viel lustvoller erscheint als die totale Multioptionalität des modernen Großstadtlebens. Sie sitzen strahlend in ihren üppigen Gärten, tanzen und trinken, lachen und lästern und leben, als hätten sie vor nichts mehr Angst. Willkommen in der neurosenfreien Zone.
In liebevoll und ironisch komponierten Einstellungen wird das Eifeldorf porträtiert, ein Fachwerkidyll, in dem der Rasen mit der Nagelschere geschnitten und die Berliner Mauer als Ligusterhecke nachgebaut wird. „Einen sehr persönlichen Heimatfilm, einen Sehnsuchtsfilm, einen Erwachsenwerden-Film“ nennt Genreith ihre erste abendfüllende Arbeit, die allerdings dann doch etwas unter der zu großen Nähe leidet. Die gekünstelte Naivität und Humorigkeit der subjektiv kommentierenden, bis ganz zum Schluss im Off bleibenden Filmemacherin macht die Botschaft überdeutlich, die so im Ratgeberteil von „Brigitte Woman“ wie „Neon“ auftauchen könnte: It’s the attitude, stupid! Aber der umwerfende Charme des Weiberhaufens tanzt diese Schwäche locker weg.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Zorro Film

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Die mit dem Bauch tanzen“ im Kino in Berlin

Die mit dem Bauch tanzen, Deutschland 2013; Regie: Carolin Genreith; 79 Minuten; FSK k. A.

Kinostart: 20. Juni

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