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Im Kino: „Die Qual der Wahl“

Die Qual der Wahl

Wenn in Amerika Wahlkampf ist, dann müssen wir häufig neue Abkürzungen lernen. In diesem Jahr zum Beispiel die Bedeutung von PAC: Political Action Committee. Die PACs gibt es auch als Super-PACs. Es handelt sich dabei um Gruppierungen, die nominell mit den Parteien nichts zu tun haben, für die sie Wahlwerbung machen, und zwar unter Aufwendung enormer Geldsummen und mit häufig nicht gerade fairen Mitteln. Vor allem die beiden Industriellen-Brüder David H. und Charles G. Koch haben sich auf diesem Feld hervorgetan, sie verhelfen, wo immer es geht, den reaktionärsten Kandidaten zum Sieg. Es schadet nicht, ein wenig von diesen politischen Realien im Hinterkopf zu haben, wenn man sich Jay Roachs neue Komödie „Die Qual der Wahl“ ansieht. Denn da geht es ganz wesentlich um die Käuflichkeit von Politik, zugleich aber auch um die (hier natürlich komisch übertriebene) abgründige Blödheit, die sich bei dem Versuch immer wieder einstellt, 200 oder auch nur 20 Millionen Menschen nach dem vorgeblich frommen Mund zu reden.
Die Qual der WahlWill Ferrell spielt einen Politiker mit dem sprechenden Namen Cam Brady (Cam wie Camden, aber auch wie Kamera, mit der ein Profi wie er jederzeit rechnet). Er vertritt einen Bezirk in North Carolina im Kongress, und er tut dies so, dass er normalerweise keine seriöse Konkurrenz bei Wahlgängen hat. Es hat einfach keinen Sinn, gegen einen perfekten Populisten wie Cam Brady anzutreten. Da mögen seine Verdienste in Wahrheit noch so zweifelhaft sein. Als er sich bei einem Stelldichein mit einer Anhängerin eine peinliche Blöße gibt, reagieren die beiden Figuren, die im Hintergrund die Fäden ziehen. Die Industriellen Glenn und Wade Motch (John Lithgow und Dan Ackroyd) schicken einen neuen Kandidaten ins Rennen, und zwar einen schwer vermittelbaren: Zach Galifianakis, bekannt aus den „Hangover“-Filmen, macht aus diesem Marty Huggins eine unvergessliche Filmfigur. Allein schon die Szene, in der er bei seinem übermächtigen Vater wegen seiner politischen Ambitionen vorspricht, ist sehr lustig – und zugleich voller Anspielungen auf die Patriarchen, die schon vielen jungen Menschen im US-Süden das Leben schwer gemacht haben.
Marty Huggins ist einer, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, deswegen bekommt er einen schwarz gekleideten Spin Doctor zugewiesen, während Cam Bradys Berater Mitch (Jason Sudeikis) eigentlich kein so übler Typ ist (größerer Druck kommt da von der Politikergattin Rose, gespielt von Katherine LaNasa).
„Die Qual der Wahl“
heißt im Original ganz einfach „The Campaign“, und um die vielen Wendungen während so eines Wahlkampfes geht es denn auch. Dabei spielen die beiden Autoren Chris Henchy und Shawn Harwell, die einander unter anderem bei der großartigen Serie „Eastbound & Down“ trafen, keineswegs einen guten gegen einen bösen Kandidaten aus. Brady und Huggins erscheinen vielmehr als zwei Aspekte einer gänzlich leer gewordenen Politik. Sie prüfen einander ständig auf Werte und Inhalte ab, von denen sie nur einen ungefähren Begriff haben, und wie es sich für eine heutige Komödie gehört, wird auch sehr viel auf der sexuellen Ebene ausagiert (wobei der deutlich heterosexuellere Brady unter den verstörten Blicken der zwei Hunde von Huggins in dessen Wohnzimmer schwere Unzucht treibt). Einer der Höhepunkte des Films ist dann, wie es sich für einen Wahlkampf gehört, die Debatte, während der Cam Brady das Vaterunser aufsagen soll, was ihm nur in improvisierter Form gelingt. Da sitzt dann wirklich jeder Fehler wie ein Stachel im Fleisch der religiösen Rechten, die sich bei „The Campaign“ aber weniger direkt gemeint fühlen muss als die Brüder Koch. Die sind in Gestalt der Brüder Motch deutlich erkennbar, und ihre Idee, North Carolina an China zu verkaufen, damit man dann billigst ins eigene Land outsourcen kann, schlägt wirklich jedem Fass den Boden aus. Wie es sich eben gehört für eine tolle Komödie.

Text: Bert Rebhandl

Fotos: Patti Perret / 2012 Warner Bros. Entertainment Inc.

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die Qual der Wahl“ im Kino in Berlin

Die Qual der Wahl (The Campaign), USA 2012; Regie: Jay Roach; Darsteller: Will Ferrell (Cam Brady), Zach Galifianakis (Marty Huggins), Jason Sudeikis (Mitch Moore); 85 Minuten; FSK 12

Kinostart: 4. Oktober

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