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Im Kino: „Die Schachspielerin“ von Caroline Bottaro

Ein Schachfilm ist dies nicht, jedenfalls keiner, in dem die mathematische Präzision des Spiels die Erzählweise prägt oder genialische und dabei launenhafte Spieler überlebensgroß die Leinwand beherrschen. „Die Schachspielerin„, das Regiedebüt von Caroline Bottaro nach dem gleichnamigen Roman von Bertina Henrichs, ist vielmehr von einer schönen Ruhe geprägt, die ihm etwas angenehm Unspektakuläres verleiht.
Unspektakulär verläuft auch das Leben von Hйlиne (San­drine Bonnaire): die 42-jährige verheiratete Mutter einer 15-jährigen Tochter lebt auf Korsika, wo sie als Putzfrau und Zimmer­mädchen in einem Hotel arbeitet. Ein verstohlener Blick auf ein amerikanisches Paar beim Schachspiel auf der Hotelterrasse verändert ihr Leben. Denn sie nimmt dieses Schachspiel zugleich als Liebesspiel wahr; die Sinnlichkeit der Frau, ihre Bli­cke erwecken in ihr ein Verlangen. Mit dem elektronischen Schachspiel, das sie ihrem Ehemann daraufhin zum Geburtstag schenkt, kann der jedoch wenig anfangen. Also versucht sie es nachts am Küchentisch selber zu erlernen. Das gelingt ihr jedoch erst mit Hilfe von Professor Kröger (Kevin Kline), einem zurückgezogen lebendem Witwer, bei dem sie ein Schachbrett entdeckt und den sie bittet, ihr das Spiel beizubringen.
Nüchtern registriert der Film daraufhin die kleinen Veränderungen an Hйlиne, ihre neue Frisur, ihr neues Selbstbewusstsein im Umgang mit der Hotelbesitzerin und mit der eigenen Familie. Gerade das Schachturnier, an dem sie am Ende teilnimmt, lässt mit seinen klassischen Spannungsmomenten den Zuschauer erkennen, wie wenig der Film zuvor auf Dramatisches setzte.
Für den Film Schach spielen zu lernen, war deshalb für die Hauptdarstellerin Sandrine Bonnaire weniger wichtig als die Gesten ihrer Figur: „Am Anfang ist Hйlиne sehr langsam, zögerlich. Dann wird sie schneller, selbstsicherer, präziser.“ Die Dar­stellerin, die im Herbst bei der Eröffnung der Tübinger Filmtage den Film persönlich vorstellte, ist die Idealbesetzung für diese Rolle, weil ihr jegliches Star­gehabe fremd ist. Hier ist sie so zurückgenommen, dass man die Qualität ihres Spiels leicht un­ter­schätzen könnte. „Die Schachspielerin“ bietet keine Parts, mit denen man Darstellerpreise gewinnt, jedenfalls nicht, solange dabei die großen Gefühle im Vordergrund stehen. Dabei verbirgt sich hinter dem Unspektakulären des Films zugleich eine große Präzision. In der ersten Szene sieht man Hйlиne frühmorgens aufstehen, das Frühstück im Stehen einnehmen, dabei auf die Armbanduhr schauen, während sie ihr Croissant in den Kaffee tunkt – Caroline Bottaro inszeniert hier das genaue Gegenteil jenes opulenten Speisens, welches das französische Kino sonst so gern zelebriert.
„Wenn wir ein Risiko eingehen, können wir verlieren, aber wenn wir kein Risiko eingehen, verlieren wir immer.“ Dieser Satz, den Professor Kröger kurz vor Ende des Films zu Hйlиne sagt, gab für Sandrine Bonnaire den Ausschlag, die Rolle anzunehmen. „Ein Risiko eingehen„, das könnte auch das Motto der Schauspielerin sein, die mit 15 Jahren zum ersten Mal vor der Kamera stand, die die Jeanne
d’Arc
im fünfstündigen Film von Jacques Rivette war und die sich vor zwei Jahren mit dem bewegenden Dokumentarfilm „Elle
s’appelle Sabine
“ über ihre autistische Schwester auch hinter die Kamera begab.
„Ich bin mehr wie ein Tre­cker­fahrer, ziemlich spontan“, so charakterisiert sie ihre Arbeitsweise auf die Frage nach der Zusammenarbeit mit Kevin Kline (der den Professor Kröger ebenfalls mit großer Zurückhaltung spielt). Der sei vor allem „sehr präzise“ und liebe es, „kleine Dinge zu erfinden, etwa die Art, wie er beim Schachspiel die Zeituhr stoppt, was die Selbstsicherheit seiner Figur betont“.
„Die Schachspielerin“ mag kein traditioneller Schachfilm sein – aber die Szene am Ende, in der Hйlиne und Kröger sich ein letztes Mal treffen und ihre Zuneigung in der Aufzählung von Schachzügen formulieren, ist dennoch ein wunderbarer Tribut an dieses Spiel.

Text: Frank Arnold

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die Schachspielerin“ im Kino in Berlin

Die Schachspielerin (Joueuse), Frankreich/Deutschland 2009; Regie: Caroline Bottaro; Darsteller: Sandrine Bonnaire (Hйlиne), Kevin Kline (Dr. Kröger), Francis Renaud (Ange); Farbe, 101 Minuten

Kinostart: 7. Januar

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