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Im Kino: „Die schönen Tage“

Die schönen Tage

Der erste Besuch der frisch pensionierten Caroline (Fanny Ardant) im Seniorenclub „Die schönen Tage“ verläuft nicht eben glücklich: Konfrontiert mit einer exaltierten Theaterkursleiterin, die von ihr verlangt, sie solle jetzt aber mal so richtig aus sich herauskommen, rauscht die leicht zugeknöpfte ehemalige Zahnärztin wutentbrannt wieder ab. Dass ihre Töchter ihr diesen Schnupperkurs im Club geschenkt haben, „damit sie was zu tun hat“, fand die attraktive Frühsechzigerin sowieso nicht gerade pietätvoll. Doch Carolines gedachtes „Nie wieder!“ gerät ins Wanken, als sie den fünfundzwanzig Jahre jüngeren Julien (Laurent Lafitte) kennenlernt, der im Club Computerkurse gibt. Bald schon verbindet die beiden eine leidenschaftliche Affäre – was zum einen aufgrund von Juliens nicht verhehlter Promiskuität Probleme aufwirft und zum anderen angesichts des wenig diskreten Verhaltens der beiden irgendwann auch Carolines Ehe mit Philippe (Patrick Chesnais) infrage stellt.
Die Frage nach dem erheblichen Altersunterschied der Protagonisten stellt sich in Marion Vernoux’ im klaren Licht der französischen Atlantikküste gedrehtem, überaus charmantem Comedy-Drama um den zweiten Frühling einer Frau allerdings überhaupt nicht. Stattdessen geht es um den Ausbruch aus den vorgezeichneten Bahnen des Lebens, der für Caroline mit allen Formen juveniler Verliebtheit einhergeht: Überschwang, Eifersucht, Zerstreutheit – die Familie kennt sie kaum mehr wieder. Den anderen Damen im Club – den Caroline nun ausgesprochen häufig besucht, besonders das abschließbare Kabuff – wird die Altersgenossin bald zum Vorbild, gewissermaßen als Rächerin der in Haushalt und Ehe eingezwängten Frauen. Dass die Beziehung zwischen Caroline und Julien keine Zukunft hat, ist aufgrund seiner vielen anderen Affären schnell klar, doch dem Film gelingt es auf durchaus subtile Weise seinen Fokus nach und nach sehr schlüssig in Richtung der ehelichen Beziehung Carolines mit dem tief getroffenen Philippe zu verschieben. Dann kann auch Patrick Chesnais als Mann brillieren, dem Vertrautheit und Leidenschaft in der Routine zwischen Beruf und Ehe abhanden gekommen ist.  Am Ende waren „Die schönen Tage“ der Anstoß für einen Lernprozess.

Text: Lars Penning

Foto: Wild Bunch Germany

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die schönen Tage“ im Kino in Berlin

Die schönen Tage (Les beaux jours), ?Frankreich 2013; Regie: Marion Vernoux; Darsteller: Fanny Ardant ?(Caroline), Laurent Lafitte (Julien), Patrick Chesnais (Philippe); ?95 Minuten; FSK 0

Kinostart: 19. September

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