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Im Kino: „Die Taube auf dem Dach“

Die Taube auf dem Dach

Ein ungewöhnlicher Film aus der DEFA-Produktion des Jahres  1973: „Die Taube auf dem Dach“ wurde während seiner Entstehung verboten, dann beinahe zerstört, anschließend ging das Material mehrfach verschollen. Doch trotz des  Handicaps einer nur noch schwarzweißen Kinokopie (obwohl in Farbe gedreht) und einer nicht mehr vollständig den ursprünglichen Intentionen der Regisseurin Iris Gusner entsprechenden Schnittfassung ist „Die Taube auf dem Dach“ selbst noch erstaunlicher als das wechselvolle Schicksal des Films: In verschiedenen Szenen einer nicht fortlaufend und eher assoziativ erzählten Handlung geht Gusner hier der sehr offen gehaltenen Frage nach, wie man leben möchte in der DDR.
Als Hauptfigur des Films fungiert dabei die junge Linda Hinrichs (Heidemarie Wenzel), die als Bauleiterin berufliche Karriere gemacht hat. Privat beginnt sie zwei Affären gleichzeitig: mit dem geschiedenen, schon etwas älteren Brigadeleiter Böwe (Günter Naumann), und mit dem Studenten Daniel (Andreas Gripp), der in den Semesterferien auf dem Bau jobbt. Doch beide Männer stellen bereits nach kurzer Zeit Besitzansprüche, denen sie sich verweigert. Ihr Credo lautet: „Ich will mich nicht von äußeren Umständen zu Entscheidungen zwingen lassen.“
Linda, deren Unabhängigkeit, Bildung und Berufskarriere vielleicht zum Hindernis für das private Glück wird, der Idealist Böwe, der in seinem Leben immer zuerst an die anderen gedacht hat und deshalb auch nicht glücklich wird, sowie Daniel, der mit seinen Utopien auf den Widerstand einer bereits verbürgerlichten Arbeiterklasse trifft – an diesen Figuren, deren Haltungen und Motivationen in verschiedenen Nebenhandlungen weiter beleuchtet und kommentiert werden, hatten die Kulturpolitiker der DDR offenbar reichlich zu schlucken.
Am Ende verbot man „Die Taube auf dem Dach“ unter anderem mit dem Totschlag­argument, die Regisseurin habe die Verhältnisse in der DDR verzerrt wiedergegeben.
Doch das eigentliche Problem lag wohl eher darin, dass der Film auf die Fragen seiner Protagonisten nach einem gangbaren eigenen Weg nicht die „richtigen“, nämlich die entsprechenden staatssozialistischen Antworten liefert. Letztlich bleibt die Geschichte so offen wie die spannende Form, in der sie erzählt wird. Damals erschien dies potenziell gefährlich, heute macht es die besondere Qualität dieses glücklich geretteten Werks aus.

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die Taube auf dem Dach“ im Kino in Berlin

DIE TAUBE AUF DEM DACH, DDR 1973; Regie: Iris Gusner; Darsteller: Heidemarie Wenzel (Linda Hinrichs), Günter Naumann (Hans Böwe), Andreas Gripp (Daniel); 82 Minuten

Kinostart: 9. September

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