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Im Kino: Die unromantische Komödie „Genug gesagt“

Genug gesagt

Irgendwie fühlt sich Eva (Julia Louis-Dreyfus) gestrandet und leer. Die halbwüchsige Tochter der alleinerziehenden Massagetherapeutin verlässt bald das Heim Richtung College, auch ihre Arbeit bietet wenig neue Reize, ganz nah ist Eva Menschen eigentlich nur beruflich. Zwei Zufallsbegegnungen auf einer Party scheinen fast schicksalhaft glücklich, unabhängig voneinander lernt Eva den netten, dicken Albert (James Gandolfini) und die faszinierende Dichterin Marianne (Catherine Keener) kennen, beide ihrerseits geschieden, alleine, interessiert an Kontakt und Gesellschaft. Zu Marianne ist Evas Kontakt zunächst beruflich, auf Hausbesuchen und bei der Massage, die smarte Künstlerin erzählt ihr viel von ihrer Kunst, aber auch von ihrem Ex-Mann, einem wohl unerträglichen, schlampigen Typen. Parallel dazu trifft sich Eva immer öfter mit Albert. Der ist ein lieber Kerl, offen, humorvoll, bodenständig, auch seine Tochter zieht bald ins College um. Aus einem Flirt wird bald so was wie eine Beziehung. Eva macht beides sehr froh, die Wärme des bärigen Alleinerziehers wie auch die Gespräche mit der Intellektuellen. Doch dann findet Eva heraus, dass Albert eben jener furchtbare Kerl ist, von dem sich Marianne nur zu gerne getrennt hat.
Genug gesagtDas ist der Stoff, aus dem Hollywood normalerweise Lustspiele oder „romantic comedies“ macht. Und Nicole Holofcener, eine der erfolgreichsten unabhängigen Filmemacherinnen des US-Kinos, gestaltet ihren Film auch mit leichter Hand, freundlich, zugänglich und humorvoll. Manchmal wird daraus fast Slapstick – wenn Eva bei einem Kunden gewohnheitsmäßig allein ihren Massagetisch die steile Treppe hochwuchten muss oder Albert sie zum Frühstück im Schlabberlook und mit offenem Hosenschlitz begrüßt, ist das schon sehr komisch. Aber es gibt auch allerlei Peinlichkeiten und gute Gründe zum Fremdschämen: Julia Louis-Dreyfus (bekannt aus „Seinfeld“) erweist sich hier als belastbare, fast schmerzfreie Schauspielerin, ihre eigentlich sympathische Eva ist kein Superweib, sondern reichlich fehlbar. Doch das ist nur Fassade und hübscher, filmischer Zuckerguss, im Kern beschäftigt sich Nicole Holofcener auch hier wieder wie in früheren, kleineren Arbeiten („Walking & Talking“, „Friends with Money“) mit eher schwerem Stoff. In „Genug gesagt“ geht es um Loyalität und Egoismus – wie aufrichtig und offen kann und muss man wirklich sein, auch sich selbst gegenüber? ?Holofcener beweist in ihrem geradlinig erzählten Film beachtliches Fingerspitzengefühl. Auch wenn sie die USA als Klassen- und Standesgesellschaft skizziert, sie die einfachen Verhältnisse von Eva (und Albert) mit dem verfeinerten, wohlhabenden Leben von Marianne kontrastiert.
Zusätzliche emotionale Kraft zieht „Genug gesagt“ dabei aus der Darstellung des im Juni verstorbenen James Gandolfini: In einer seiner letzten Rollen glänzt der Schauspieler, der in seiner Karriere oft als eher grober Klotz eingesetzt wurde, als sensibler und verletzlicher Bär, ein Gestrandeter wie Eva, der auch nur kleine Träume hat. Das ist, wie der Film, schön und etwas traurig.

Text: Thomas Klein

Foto: 2013 Twentieth Century Fox

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Genug gesagt“ im Kino in Berlin

Genug gesagt (Enough Said), ?USA 2013; Regie: Nicole Holofcener; Darsteller: Julia Louis-Dreyfus (Eva), James Gandolfini (Albert), Catherine Keener (Marianne); ?94 Minuten; FSK 6

Kinostart: 19. Dezember

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