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Im Kino: „Die wilde Zeit“

Die wilde Zeit

Der soziale und kulturelle Aufbruch der 1960er-Jahre fand in den Revolten des Mai 1968 in Paris einen so symbolhaften Ausdruck, dass darüber die anderen, kleineren, oft noch weniger triumphalen Geschichten verdrängt wurden. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat in Bezug auf diese Unterbrechung des historischen Gangs, in der sich dramatische Momente (die Studentenproteste, Barrikaden, Besetzungen, Demonstrationen) mit allgemeinen Lagen (soziale Mobilisierung, Verteilungskämpfe, Verhandlungen um Arbeitszeiten und Löhne) vereinigten, das Wort vom kritischen Moment geprägt. Viele kleine, latente Krisen vereinigen sich zu einer allgemeinen Krise. Viele kleine, zerstreute Interessen bekommen einen gemeinsamen Zug, dirigieren Menschen in eine Richtung, erzeugen ein entscheidendes Ereignis – und die historische Fläche, die danach kommt. Das Kino erzählt gerne von den heroischen Mobilisierungsprozessen, die zu solchen Momenten führen, aber nicht minder interessant ist es, dem alltäglicheren Nebeneinander, den persönlichen Krisen und Aufbrüchen zuzusehen, die ihnen folgen.
Olivier Assayas war ein junger Teenager, als die Studenten das Quartier Latin besetzten. Ein begeisterter Zuschauer, der von der eigentlichen Aktion altersbedingt abgeschnitten blieb, aber erlebte, wie die Ideen in den 1970er-Jahren aufblühten, in den Gymnasiasten- und Studentenmilieus, in denen nun sein Film „Aprиs mai“ (deutscher Titel: „Die wilde Zeit“) spielt. Als Generationenporträt folgt sein Werk einem breiten Ensemble von Figuren, in dessen Mittelpunkt Gilles steht, ein junger Mann, der nicht wenige Züge von Assayas selbst trägt, bis hin zur Entscheidung, ob man die Kunst (das Kino) oder die Politik als Lebensinhalt wählen soll.
Die wilde ZeitDie Frage, wie man gesellschaftliche Veränderung nach dem Mai 68 denken sollte, wie man links (autonom, radikal, kommunardisch) sein konnte, ohne totalitär (kommunistisch, maoistisch, trotzkistisch) zu sein, wurde Assayas’ Generation zur Lösung aufgegeben. Die Neue Linke hatte noch keine Institutionen, keine Parteien (die sie ja bekämpfen wollte), nur Ideen eines alternativen, linken, freiheitlichen Lebensentwurfes, der noch viele Jahre brauchte, bis er parlamentarisch repräsentiert wurde.
Die Ideen fanden ihre Refugien auf dem Weg dahin in den Menschen selbst. Ihre einzelnen Biografien waren das Laboratorium, in dem die Experimente weitergetrieben wurden. „Die wilde Zeit“ erzählt davon und von den Widerständen, realen und fantasierten, die ihnen begegneten. Manche davon so unerwartet, wie die Begegnung, die in Assayas‘ Film in einer der schönsten Szenen auf eine der jungen Protagonistinnen wartet, als die sich vor einem großformatigen Gemälde von Frans Hals aus dem Jahr 1664 wiederfindet, und von den alten Frauen darauf eine große Frage aufgeben bekommt: nach der Zeit und wie man sie gestaltet.
Olivier Assayas ist in einer Vielzahl von Filmen zum Chronisten seiner Generation geworden. Immer wieder hat er sein Werk den Brüchen und Aufbrüchen im Leben jugendlicher Helden gewidmet, bis er zuletzt in der Terroristen-Biografie „Carlos“ ein ganzes Ensemble mörderisch radikalisierter Lebensentwürfe aus den 70ern und 80ern abgebildet hat. „Die wilde Zeit“ ist ein sehr viel sanfterer, alltäglicherer Film, auch wenn er mit einer brutal eskalierenden Demon­strationsszene eröffnet, die seine jungen Protagonisten transformiert. Doch jenseits davon versucht der Film, dieses auch politische Drama mit durchaus zarten, leichten Mitteln zu erzählen. „Der Ton sollte so leicht wie nur möglich sein“, unterstreicht Assayas im Interview, „weil es aus der Perspektive von Teenagern betrachtet wird, die zugleich naiv und sehr direkt damit umgehen.“ Das Ensemble, das er für „Die wilde Zeit“ zusammengestellt hat, ist selbst bemerkenswert jung, keiner der Hauptdarsteller ist vor 1992 geboren. Die wilde ZeitUnverbrauchte Akteure, die selbst in ihren Gesichtern und Körpern, in ihren manchmal wunderbar eigensinnigen Sprechweisen (dringende OmU-Empfehlung) das Werden und Wachsen ausdrücken, das jenseits aller politischen Inhalte hier Geschichten und Geschichte vorantreibt. Einer Handvoll dieser jungen Figuren folgt Assayas, begleitet von einem zeitgenössischen Soundtrack von Soft Machine bis Captain Beefheart, in alle Himmelsrichtungen, zeigt, wie sie sich radikalisieren oder von der Politik distanzieren, wie sie in ihrer Abenteuerlust immer mehr Ernst und Erfahrung in ihr Leben aufnehmen. Autobiografie? „Ja und nein“, sagt der 58-jährige Regisseur mit der ewig jugendlichen Begeisterungskraft, die sich in jedem Gespräch mit ihm überträgt. „Ich verwende viele autobiografische Elemente, aber ich glaube, dass man im Film gar nicht autobiografisch sein kann. Der ganze Prozess des Filmemachens widerspricht dem. Man kann beim Autobiografischen beginnen, mit Gefühlen und Erinnerungen, aber das sind nur Bausteine. Mit dem Casting, mit der Wahl der Locations, wenn man die Einstellungen und die Dialoge, das Editing angeht, entfernt man sich immer weiter.“
Um so spannender ist es, parallel die um eine ganz andere Form der Genauigkeit ringende Version seiner Geschichte in Assayas‘ literarischem Essay „A Post-May Adolescence. Letter To Alice Debord“ zu finden, der 2012 in einer Edition des Österreichischen Filmmuseums gemeinsam mit einer profunden Assayas-Monografie erschienen ist. Guy Debord, dessen Witwe der Text gewidmet ist, stiftet auch die zentrale Verbindung zwischen den Fragestellungen des Films, Assayas‘ Biografie und der Epoche, von der er erzählt.
Die Bewegung in die Kunst, die seine Helden hier unternehmen, so wie vor ihnen der Regisseur selbst, erscheint wie die Spiegelung einer Bewegung, die Assayas an Debord, Leitfigur der Situationisten, kennenlernte. „Er kam aus der Kunsttheorie und bewegte sich von dort aus in die Politik. Die Frage nach der Kunst hat etwas mit dem historischen Scheitern der europäischen Neuen Linken zu tun, aus dem, was im Mai 68 passiert war, Gewinn zu ziehen. Zu viele wurden von verschiedenen Dogmatismen absorbiert, und Debord war einer der ersten, der das verstand. Er hat die Situationistische Internationale 1969 aufgelöst. Er hat sofort verstanden, dass ein Zuviel an Agitation ein schlechtes Symptom war. Der Mai 68 war die Krönung, und er wollte sich von dort anderswo hin bewegen.“
Für Assayas kam selbst hinter der Politik wieder die Kunst, der Film, ohne Dogmen. Kein Zufall, dass sein Held sich irgendwann als Helfer in einem Filmset wiederfindet, in dem gerade ein dürftig bekleidetes Schlockmovie mit Nazis und Dinosauriern gedreht wird – bevor ihn eine Szene weiter an einem Avantgardefilmabend seine tote Geliebte von der Leinwand her anblicken wird. Erinnerungsmaschine und Fabrik grotesker Fantasien – das Kino hat bei Assayas die Freiheit, alles zu sein.

Text: Robert Weixlbaumer

Fotos: Carole Bethuel / NFP

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die wilde Zeit“ im Kino in Berlin

Die wilde Zeit (Aprиs mai), Frankreich 2012; Regie: Olivier Assayas; Darsteller: Clйment Mйtayer (Gilles), Lola Crйton (Christine), Felix Armand (Alain); 122 Minuten; FSK 12

Kinostart: 30. Mai

Olivier Assayas / Kent Jones (Hg.), Filmmuseum Synema Publikationen 16, Wien 2012, 256 Seiten, ca. 200 Abbildungen in Farbe und s/w. In englischer Sprache.

Olivier Assayas, „A Post-May Adolescence. Letter to Alice Debord“, Filmmuseum Synema Publikationen 17, Wien 2012, 104 Seiten. In englischer Sprache.

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