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Im Kino: „Die Wirklichkeit kommt“

Die Wirklichkeit kommt

Die meisten Leute würden Harald wohl für einen Spinner halten. Er glaubt, dass er unter dem Einfluss unsichtbarer Kräfte steht. „Ich merke, dass jemand etwas mit meinem Körper tut. Ich spüre die Anwesenheit von Technologie.“ Vielleicht hat ihm sogar jemand einen Chip eingepflanzt? Man kann nie wissen.
Es sind „mind control victims“ wie Harald, von denen Niels Bolbrinker in seinem Dokumentarfilm „Die Wirklichkeit kommt“ ausgeht. Er versucht, die vielfältigen Zusammenhänge in den Blick zu bekommen, die man unter dem Stichwort Überwachungsgesellschaft zusammenfassen kann. Und Menschen, die sich nicht nur überwacht, sondern auch manipuliert und teilweise sogar mit unsichtbaren Kräften gefoltert fühlen, sind dabei nicht die schlechtesten Zeugen.
Bolbrinker, der sich in seinem Film von einer Sprecherin vertreten lässt, besucht eine Reihe von Menschen, die vor Funkwellen Angst haben. Und von da aus erweitert er dann seine Recherche auf konkrete Möglichkeiten, heutzutage mit technischen Mitteln zu „erkennen, wo was komisch“ ist. So formuliert das ein deutscher Spitzenforscher, der an einem biometrischen Projekt sitzt, an der elektronischen Vermessung komplexer Muster wie menschlicher Bewegung. Das erhöhte Sicherheitsbedürfnis verwundbarer Gesellschaften lässt nach solchen automatischen Lösungen suchen, die erlauben sollen, Terrorismus mit dem Rechner zu entdecken.
Der Fall Snowden platzte mitten in die Entstehung dieses Films. Das lässt Bolbrinker zwischendurch erkennen. Seither ist die Debatte über exzessives Sammeln von Daten in der Mitte der Gesellschaft angekommen. „Die haben Tage, ganze Jahre von uns“, sagt einer der sensiblen Leute in „Die Wirklichkeit kommt“. Ein anderer meint bemerkt zu haben, dass er vor 1999 nie „eine solche Perversität im Traum“ gekannt hatte. Was ihm also nachts durch den Kopf geht, rechnet er einer Strahlenmacht zu.
Das Problem von Bolbrinkers Film ist, dass der Übergang zwischen den „Spinnern“ und den höchst konkreten Technologien, die unseren Alltag schon oder bald beeinflussen, notgedrungen vage bleibt. Zwar hat er Constanze Kurz, eine der wichtigsten Intellektuellen bei digitalen Themen, mehrfach interviewt und von ihr auch viele kluge Sachen zu hören bekommen. Darüber hinaus aber fehlt es in „Die Wirklichkeit kommt“ ein wenig an Synthese. Aufklärungsroboter für den Kriegsfall sind eben doch etwas anderes als kommunizierende Kühlschränke oder die „Ortungswanze“ (das Handy), der viele fast alles anvertrauen. Und dass die Wissenschaft inzwischen dem Gehirn beim Denken zusieht, ist, wie auch die Gentechnik, eine Herausforderung für die Politik. Die „empfindlichen Leute“, die Bolbrinker vorstellt, sind zutiefst dem 20. Jahrhundert verhaftet. Der Schluss auf das 21. müsste bei einer Analyse der Handlungsmächte ansetzen. Das aber fehlt in „Die Wirklichkeit kommt“.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Real Fiction Verleih

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Die Wirklichkeit kommt“ im Kino in Berlin

Die Wirklichkeit kommt?, Deutschland 2013; Regie: Niels Bolbrinker; 82 Minuten; FSK k. A.

Kinostart: 15. Mai

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