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Im Kino: „Die wundersame Welt der Waschkraft“ von Hans-Christian Schmid

Die wundersame Welt der WaschkraftSeit seinem Spielfilm „Lichter“ lassen Hans-Christian Schmid die heiklen deutsch-polnischen Grenz­­beziehungen nicht los. Er arbeitet bevorzugt mit dem polnischen Kameramann Bogumil Godfrejуw zusammen und produzierte „Morgen kommen Touristen„, Robert Thalheims Film über das heutige Auschwitz. Schmids Dokumentarfilm „Die wundersame Welt der Waschkraft“ ist wieder eine seiner von Neugier und Zuneigung getragenen Reisen in das Nachbarland.
In der Kleinstadt Gryfino an der Oder nahe Schwedt garantieren 400 Frauen in einer von Deutschen betriebenen Großwäscherei den täglichen Luxus von Berliner Edelhotels. Sie arbeiten im Schicht­system in einem hochmodernen Maschinenpark, der mit kostengünstigem Dampf aus dem lokalen Kraftwerk betrieben wird. „Die wundersame Welt der Waschkraft“ verfolgt den Weg, den die Tonnagen an Schmutzwäsche über Nacht nach Polen und zurück nehmen, schildert in Statements einer Hotelhausdame und eines Wäscherei­managers, wie die Ansprüche der Tourismusbranche da­zu führen, Weißwäsche zu Billigpreisen rund um die Uhr anzubieten. Der Film erzählt, wie es aussieht, wenn die Logik des Kos­ten­drucks die Arbeit komplett durchorganisiert.
Wichtiger sind jedoch die Protagonistinnen Beata und Monika, die das Filmteam über ein Jahr behutsam und diskret begleitet. Man lernt die Lebensumstände, die Partner und Kinder kennen und erlebt mit, wie sich der Arbeitsrhythmus physisch und psychisch niederschlägt. Man sieht, wie der Ausstoß der gigantischen Maschinen Anpassung erzwingt, während die Frauen von ihrer Erschöpfung berichten. Beide wissen, wie sich der Wegzug der jüngeren Generation auf die Grenzregion auswirkt. Sogar die Großmutter macht sich auf, um in einer englischen Gärtnerei zu arbeiten. Solidarnocz-Funktionäre beraten über die anstehende Weih­nachtsfeier, während der deutsche Betriebsleiter der Wäscherei klarstellt, dass die gerade erkämpf­te Lohnerhöhung durch noch mehr Produktivität kompensiert werden müsse. Hans-Christian Schmids Film hält es mit lakonischer Ironie, er ist ein subtiles Porträt, bei dem die Menschen hinter dem System der exportierten Arbeit kenntlich werden.

Text: Claudia Lenssen

tip-Bewertung:
Sehenswert

Die wundersame Welt der Waschkraft, Deutschland 2009; Regie: Hans-Christian Schmid; Farbe, 93 Minuten

Kinostart: 7. Mai

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