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Im Kino: „Dior und ich“

Dior und ich

„Dior und ich“ hat alles, was ein mitreißender Film braucht: einen Helden, der zu schönsten Hoffnungen Anlass gibt, sich aber erst noch beweisen muss. Eine ruhmreiche Vergangenheit, einen kühnen Plan und tatkräftige Unterstützer. Widerstände, Liebe, Hingabe und ein triumphales Finale. Und das Beste ist: Es handelt sich um eine wahre Geschichte. Die das Leben schrieb, aber nicht irgendein dahergelaufenes, sondern das Leben nach den Regeln der Haute Couture mit ihrer saisonalen Krisendramaturgie und punktuellen Aufmerksamkeitsökonomie. Aber der Reihe nach.
Der Dokumentarfilm „Dior und ich“ von Frйdйric Tcheng begleitet über drei Monate im Frühjahr 2012 die Entstehung der ersten Haute-Couture-Kollektion von Raf Simons für Dior. Nach dem skandalösen Abgang John Gallianos wegen faschistischer Äußerungen hatte sich Simons in einem harten Kandidatenpoker als neuer Chefdesigner durchgesetzt. Schüchtern und ehrfuchtsvoll nähert sich Simons dem Traditionshaus, dessen imaginärem Kapital und den imposanten Ressourcen. Im Stammhaus der Marke in der Pariser Avenue Montaigne arbeitet er sich Hände schüttelnd durch alle Abteilungen, vom Generalstab der lang-gedienten Direktricen bis zu dem jungen Chinesen, der allein für die kunstvolle Drapage von Stoffmassen zuständig ist.
Dior und ichChefdesigner bei Dior ist nicht irgendein Job. Das macht der Film in kluger wie informativer Weise deutlich, wenn er Passagen der Autobiografie des Firmengründers aus dem Off einsprechen lässt. Die Geschichte Diors ist die Geschichte eines historisch vielleicht einmaligen Zusammentreffens von Modestil und kollektiver Sehnsucht: Als der damals 42-jährige Dior 1947 seine Kollektion mit schmaler Taille und weit schwingenden Röcken vorstellte, wurde diese Absage an die Kargheit der Kriegsmode international als New Look gefeiert und millionenfach kopiert. Noch heute ist das modische Bild der 50er-Jahre geprägt von der hyperfemininen Dior-Silhouette. Die reale Person Christian Dior aber lebte im ständigen Konflikt mit dem „Modezaren“, der zweimal jährlich über die Rocklängen der westlichen Welt entscheiden sollte.
In dem gebürtigen Belgier Raf Simons hat der Film einen hochsympathischen Protagonisten, der ebenso unglamourös und fast publikumsscheu wirkt wie Dior selbst. Simons wird klar als Künstler identifiziert, noch bevor er mit viel technischem Aufwand Gemälde in bewegte Skulpturen verwandelt, indem er die abstrakten Bilder des Amerikaners Sterling Ruby in schwere Stoffe einweben und zu imposanten Roben verarbeiten lässt. Er sucht nicht nach der grellen Novität, sondern nach einem gültigen Ausdruck für zeitgenössische Befindlichkeiten. Dabei ist Haute Couture heute eigentlich nur noch ein Marketinginstrument, mit dem das Image eines Labels für den lukrativen Kosmetik- und Konfektionsmarkt positioniert wird. Bei Simons wird sie zu einer Form der Performancekunst, die mit absurdem Aufwand auf den einen Moment des Defilees hinarbeitet. Wenn alles stimmt, bucht der kleine Kreis betuchter Kundinnen, die für ein Kleid sechsstellige Summen ausgeben können, seine Termine mit den Chefschneiderinnen des Hauses und lässt auf Maß fertigen. Zum Kleidungsstück werden die textilen Kunstwerke erst dann.
Dior und ichFrйdйric Tcheng beschreibt seine dokumentarische Arbeit als Seiltanz, bei dem der Abstand zum Thema der entscheidende Balanceakt ist. Bei diesem Film musste sich der Regisseur auf den reinen künstlerischen Arbeitsprozess beschränken; das Privatleben des Designers war tabu. Diese Konzentration zwingt Kamera und Schnitt zu gesteigerter Aufmerksamkeit. Die filmische Beobachtung läuft mit wie ein hochmotivierter Assistent, der keinesfalls ein wichtiges Detail übersehen will. Während des hektischen Arbeitsprozesses verschwindet sie dann auch immer mehr im Team, durchleidet nächtliche Überstunden, belauscht Frotzeleien im Fahrstuhl und darf schließlich sogar die Tränen von Raf Simons sehen. Kurz vor dem Happy End.

Text: Stella Donata Haag

Fotos: CIM Productions

Orte und Zeiten: „Dior und ich“ im Kino in Berlin

Dior und ich (Dior and I), Franjkreich 2014; Regie: Frйdйric Tcheng; 90 Minuten

Kinostart: Do, 25. Juni 2015

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