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Im Kino: „Disneys – Eine Weihnachtsgeschichte“

Charles Dickens „A Christmas Carol“ ist der große Klassiker angelsächsischer Weihnachtsliteratur. Passend zur festlichen Jahreszeit handelt es sich um eine Besinnungsgeschichte, in der der alte und ebenso geizige wie hartherzige Ebenezer Scrooge an Weihnachten Besuch von den Geistern der vergangenen, gegenwärtigen und kommenden Weihnacht erhält: Sie führen ihn durch sein bisheriges Leben und zeigen ihm, wie er sich verändert und was er verpasst hat. Zudem präsentieren sie ihm Szenen der Weihnachtsfeiern seines lebensfrohen Neffen sowie der Familie seines mit kärglichem Lohn ein eher ärmliches Leben fristenden Buchhalters und bieten ihm eine Vorausschau auf seinen eigenen einsamen Tod. Am Ende hat Scrooge seine Lektion gelernt und wandelt sich zum lebensbejahenden und mildtätigen Menschen. Verfilmt wurde diese Story bereits dutzende Male für TV und Kino, darunter auch schon in einer Version mit Michael Caine und den Muppets.
Die jüngste Variante präsentiert nun Disney als einen Motion-Capture-Animationsfilm in 3D, in dem trotz Festhaltens an der Original-Geschichte von Besinnung allerdings kaum die Rede sein kann. Vielmehr nimmt Regisseur Robert Zemeckis den Zuschauer in „Disneys – Eine Weihnachtsgeschichte“ mit auf eine Geisterbahnfahrt voller Effekte und Spektakel – streckenweise mit durchaus beeindruckender Animation, letztlich jedoch erschreckend seelenlos wirkend.
Das hat nicht zuletzt mit Zemeckis‘ Herangehensweise an Computeranimation und das Motion-Capturing zu tun, die er in ganz ähnlicher Weise auch schon in dem Weihnachtsfilm „Der Polarexpress“ (2004) verwendete. Zemeckis‘ Vorstellung ist es offenbar, den Animationsfilm möglichst weit dem Realfilm anzunähern: Die Hintergründe erscheinen überwiegend fotorealistisch, zudem erlaubt das ursprünglich für biomechanische Studien entwickelte Motion-Capture-Verfahren die genaueste Annäherung an menschliche Mimik und Bewegung, die in der Computeranimation möglich ist. Dazu müssen Schauspieler spezielle Kostüme tragen und werden an jedem Gelenk und im Gesicht an speziellen Muskeln mit optischen Reflektoren oder magnetischen Rezeptoren versehen. Mimik und Bewegungsabläufe können dann von digitalen Kameras aufgezeichnet und schließlich im Computer auf eine 3D-Figur übertragen werden.
Auch wenn sich eine erkennbare physiognomische Ähnlichkeit mit dem betreffenden Schauspieler dabei nicht zwangsläufig ergibt – man sieht in diesem Fall also Jim Carreys Mimik und Gestik als Scrooge, doch die Figur sieht Carrey deshalb nicht unbedingt ähnlich – wirken die Figuren trotz einer gewissen Stilisierung fast menschlich. Aber eben auch nur fast: Der Eindruck, der sich bei Zemeckis‘ Filmen einstellt, ist eher der von Zombies, die sich in einer leicht verschobenen Parallelwelt bewegen. Und auch wenn die technische Leistung bemerkenswert bleibt, den Geist der Animation – Anima bedeutet schließlich Seele – trifft es nicht.

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Disneys – Eine Weihnachtsgeschichte“ im Kino in Berlin

Disneys – Eine Weihnachtsgeschichte (A Christmas Carol), USA 2009; Regie: Robert Zemeckis; Darsteller: Jim Carrey (Ebenezer Scrooge), Gary Oldman (Bob Cratchit/Tiny Tim / Marleys Geist), Colin Firth (Scrooges Neffe); Farbe, 96 Minuten

Kinostart: 5. November 2009

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