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Im Kino: „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“ von Linus de Paoli

/DrKetel_Der_Schatten_von_Neukoelln20_c_dffb_SchattenkanteWas treibt ihn um, diesen Dr. Ketel? Der hochgewachsene Mann ist nachts auf den Straßen von Neukölln unterwegs und behandelt Patienten kostenlos, die durch das soziale Netz gefallen sind. Er sei gar kein richtiger Arzt, muss er sich von dem Klinikarzt Dr. Wissmann sagen lassen, der ihn von früher her kennt, sein Tun missbilligt und ihn warnt (aber irgendwie auch bewundert). Nachdem Ketel für eine kurzfristige nächtliche Medikamentenbeschaffung die Apotheke der attraktiven Karo genutzt hat, ist es mit der Idylle zwischen den beiden auch schon wieder vorbei – Ketel ist ein Getriebener, dessen erstes Augenmerk seinen Patienten gilt, selbst wenn die manchmal unwillig sind und ihn sogar beleidigen.

„Für meinen Vater. Arzt in Neukölln 1980-2009“ liest man am Ende des Films. „Dr. Ketel“ hat also persönliche Bezüge. „Hier hatte er seine Praxis“, sagt die Produzentin Anna de Paoli, als sie mich durch die Wohnung in der Neuköllner Mareschstraße führt, die sie seit der Pensionierung ihres Vaters mit Mann und Sohn bewohnt und die während der Dreharbeiten als Produktionsbüro diente. Dass Patienten nicht nur während der regulären Sprechzeiten, sondern selbst nachts klingelten, ist ihr aus den frühen Jahren ihrer Kindheit noch wohl vertraut. Trotzdem ist „Dr. Ketel“ kein geradliniges Sozial­drama geworden, wie man es bei diesem Ausgangspunkt und dem Schauplatz Neukölln erwarten könnte.

„Dr. Ketel“ spielt in der nahen Zukunft, wie ein Insert zu Beginn verrät: Elemente der Science Fiction finden sich in ihm ebenso wie solche des Horrorfilms oder des Film noir. Ganz offenbar sind Anna und ihr Mann Linus (Foto Mitte), mit dem zusammen sie den Film geschrieben hat und der Regie führte, Genrefans. „Definitiv!“, bejaht Anna. „Wobei es uns immer reizt, die Grenzen des Bekannten zu sprengen. Das Sozialdrama wurde inspiriert von der Figur meines Vaters. Gleichzeitig war das erste Bild, das ich im Kopf hatte, die Silhouette eines Mannes mit Arzttasche auf der Straße einer finsteren Großstadt, also ein klassisches Film-noir-Bild, larger than life.“ Und Linus fügt hinzu: „Die Amerikaner sehen darin auch einen Superhelden-Film, jemand, der die Stadt aufräumt und eine Tag-Nacht-Doppelexistenz führt.“

DrKetel_Der_Schatten_von_Neukoelln26_Brandt_Hahn_c_HSDass der Film bei all diesen Referenzen nicht zum postmodernen Zitatenkino geworden ist, verdankt er nicht zuletzt der Präsenz seiner Darsteller. Für den Hauptdarsteller Ketel Weber ist „die Schauspielerei seine große Liebe, aber von der wurde er eher schlecht behandelt, weil er sich mit offiziellem Zeug immer schwer tut. Er bewirbt sich nirgendwo, hat jahrelang keine Agentur gehabt und immer nur gespielt, wenn Freunde ihn gefragt haben. Seine Ausbildung hat er nie fertiggestellt, dafür aber jahrelang auf dem Bau gearbeitet“, erzählt Linus. „Ich habe versucht, etwas von dem, was in ihm steckt, herauszuholen und für die Rolle zu nutzen. Deshalb trägt die Filmfigur auch seinen Namen.“

Franziska Rummel, die die Apothekerin spielt, „haben wir im Moviemento kennengelernt, wo sie das beste Popcorn der Stadt macht und auch Filme vorführt. Sie ist ein totales Kinotier“, ergänzt Anna. „Mir ist sie aufgefallen, als ich meinen Film ‚24 Stunden Schlesisches Tor‘ dort zeigen durfte, nicht zuletzt, weil sie mit 1,86 auch sehr groß ist, was gut zu Ketels 2,03 m passte, und immer auffällige, bunte Kleidung trägt. Es stellte sich heraus, dass sie ursprünglich eine Karriere als Sängerin geplant hatte. Das Thema der verhinderten Profession spielt ja auch im Film eine wichtige Rolle – das passte.“ Und dann sind da natürlich noch Lou Castel und Amanda Plummer. Castel hat schon öfter in deutschen Filmen gespielt, bei Wenders, Fassbinder und Helke Sander. „Den haben wir beim Festival in Hof bei einer Retrospektive seiner Filme kennengelernt. Sein einziger Wunsch war, dass er zu jeder Mahlzeit nur Brokkoli und Fisch bekam.“

Amanda Plummer allerdings, bekannt als Honey Bunny aus „Pulp Fiction“, die mit Terry Gilliam („König der Fischer“) gearbeitet hat und in Michael Winterbottoms „Butterfly Kiss“ als Serienkillerin brillierte, erwartet man wahrlich nicht in einem deutschen, schon gar nicht einem Nachwuchsfilm. „Die haben wir beim Festival von Sitges kennengelernt, wo unser Kurzfilm ‚The Boy Who Wouldn’t Kill‘ lief“, erinnert sich Linus. „Sie war in der Jury, wir haben sie auf einer Party angesprochen und uns für die lobende Erwähnung bedankt. Sie fragte gleich, was wir als Nächstes machen würden. Ich war erst einmal skeptisch und habe nicht geglaubt, dass sie sich ernsthaft interessiert, aber dann kam eine E-Mail von ihr: ‚Hi Linus, I meant what I said – keep in touch.‘ Wir haben dann diese Figur der Sicherheitsexpertin für sie geschrieben, die so etwas wie eine gute Fee für Dr. Ketel wird.“

„Das war sie ja auch für uns“, fügt Anna hinzu. „Für ihre Unterkunft hatten wir ein Hotel gefunden, in dem wir auch gedreht haben. Dummerweise hatten die gerade umgestellt auf Nichtraucher, und das war ihre einzige Bedingung – dass sie in der Badewanne rauchen kann. Das bedeutete, ich konnte dieses supertolle Sponsoring-Angebot nicht annehmen und musste erst einmal ein Hotel finden, wo im Zimmer geraucht werden darf. Wir haben immer versucht, mit offenen Karten zu spielen, haben ihr erklärt, dass unsere Wohnung auch das Produktionsbüro ist, wo auch die Maske gemacht wurde und das Catering in der Küche stattfand. Das hat sie gar nicht gestört, sie war vom ersten Tag an nur für das Projekt da. Da sind die Amerikaner hundertprozentig professionell.“

DrKetel_Der_Schatten_von_Neukoelln09_c_dffb_Schattenkante_moviementoAls amerikanische Sicherheitsexpertin Louise, die Lösungen für die Apothekeneinbrüche erarbeiten soll, tritt Amanda Plummer erst im zweiten Teil des Films auf, dessen erstes Kapitel Ketels Abstieg verfolgt, der, nachdem er seinen Tages- und Tarnjob als Hausmeister vernachlässigt hat, mit der Stelle auch seine karge Kellerwohnung verliert, auf der Straße leben muss und schließlich selber krank wird, bevor er schließlich in einem Supermarkt zusammenbricht und festgenommen wird. Das zweite Kapitel („Louise“) zeigt das Geschehen noch einmal, verknappt, aus einer Außenperspektive, der von Louise. Statt der düsteren Interieurs, in denen der wortkarge Ketel agierte, bewegt sich die Schnell- und Vielrednerin in lichten, hoch gelegenen Konferenzräumen. Ihr Spiel ist natürlich, wo Ketel Weber eher ein Stück neben seiner Figur steht. Kapitel drei führt die beiden dann zusammen – zwei Antagonisten, die vieles gemeinsam haben. „Dr. Ketel“ ist gerade wegen solcher Brüche ein aufregender Film geworden, dem man die Leidenschaft der daran Beteiligten ansieht. Zu den 10?000 Euro von der dffb, den zusammengelegten Etats für den Abschlussfilm von Linus und Anna, haben sie selber noch einmal genau so viel akquiriert – „in Kleinstmengen, unter anderem vom Kiezquartiersbüro in Neukölln, das kulturelle Aktivitäten fördert.“

Auf die Beantragung von Fördermitteln haben die beiden bewusst verzichtet, „weil wir auf gar keinen Fall auf irgendetwas warten wollten. Wir hatten Angst, dass dieser Drive verloren geht.“ So kommt der Film zwei Jahre nach seiner Festivalpremiere, bei der er gleich mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde, doch noch, mehr oder weniger im Eigenverleih, in die Kinos. „Schwarz-weiß und zweisprachig: Der Film ist nicht so leicht in eine Schublade zu stecken – selbst wenn er gut ankommt, wird er nicht sofort ein Selbstläufer. Wir sind aber auch nicht mit dieser erfolgsorientierten Haltung gestartet. Bela Tarr, in dessen Seminar der Film ursprünglich entstehen sollte, hat gesagt: Ihr macht den Film, weil ihr dabei etwas lernt.“ Keine Kompromisse zu machen, können sich die beiden nur deshalb erlauben, weil sie noch anderweitig Geld verdienen: Anna arbeitet die Hälfte des Jahres für die Berlinale, als Assistentin der Sektionsleiterin Perspektive Deutsches Kino, Linus betätigt sich als Komponist für Filme seines Vaters, des Animationsfilmers Gerhard Hahn.

Immerhin: Für das Nachfolgeprojekt ihrer Produktionsfirma Schattenkante, den Abschlussfilm ihres dffb-Kommilitonen Till Kleinert, „Der Samurai“, einen „albtraumhaften Thriller“ (Linus de Paoli) haben sie Förderung vom Medienboard bekommen, und Linus plant im Frühjahr als amerikanisch-deutsche Koproduktion „The Nicest Guy in Town“. Der basiert auf einem Hardboiled-Roman, der bereits verfilmt wurde, schlägt aber eine ganz andere Perspektive ein.

Text: Frank Arnold

Fotos: dffb / Schattenkante / Moviemento, Harry Schnittger (Mitte)

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“ im Kino in Berlin

Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln Deutschland 2011; Regie: Linus de Paoli; Darsteller: Ketel Weber (Dr. Ketel), Amanda Plummer (Louise), Burak Yigit (Ercan); 80 Minuten; FSK k.A.;

Kinostart: 22. August

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