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Im Kino: „Draußen am See“

Draußen am See

Die Borowskis sind eine völlig intakte Berliner Kleinbürgerfamilie mit Mama, Papa, zwei halbwüchsigen Töchtern und verwuscheltem Hund. Nach einer vorgreifenden Sequenz, die einen Grundtenor von düsterer Irritation setzt, zeichnet Felix Fuchssteiners Debütfilm in den ersten Minuten liebevoll und detailgenau die ganz normale Alltagsharmonie mit ihren wechselseitigen Unannehmlichkeiten: die dauergenervten Teenager, der lautstarke Sex der Eltern unterm Kompottregal und immer wieder sonntags Flockensahne und schwiegermütterliche Sticheleien in der Laube draußen am See. Als der Vater, ein breitschultriges Alphamännchen und Cowboy mit Segelboot, arbeitslos wird, gerät das familiäre Ökosystem aus dem Gleichgewicht. Die Mutter, korpulent, lebenstüchtig und etwas sentimental, erweist sie sich als das eigentliche Kraftzentrum und steigt wieder in ihren Job als Kindergärtnerin ein. Doch der ehe­malige Alleinverdiener kommt mit diesem modernisierten Rollenschema nicht zurecht und entwickelt einige skurrile bis bedroh­liche Obsessionen.
Lange fließt der Film als feinsinnige, lebensnahe Sozialstudie vor sich hin ­– bis die ganze Spannung in der Familie, das Unausgesprochene und Uneingestandene in einer Katastrophe kulminieren. Was geschieht, ist ein menschliches Skandalon, dessen Beschreibung meistens in medizinische Abstraktion flieht oder zur sozialvoyeuristischen Kolportage verflacht. „Draußen am See“ entkommt diesem Dilemma durch die Verschiebung des Fokus auf die jüngere Tochter Jessika, die die Welt durch klassifizierbares Wissen, durch Daten, Fakten und Statistiken unter Kontrolle halten will und nun an dem Wissen über das Familiengeheimnis zu zerbrechen droht. Die unvermutete Brachialität, mit der Felix Fuchssteiner den Wendepunkt in dieser Geschichte setzt, ist in sich analytisch, weil sie das Ereignis erfahrbar macht als das immer Undenkbare, das zugleich schlüssige Konsequenz ist. Dass am Ende etwas Hoffnung steht, haben sich Protagonisten und Zuschauer verdient.

Text: Stella Donata Haag

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Draußen am See“ im Kino in Berlin

Draußen am See, Deutschland 2009; Regie: Felix Fuchssteiner; Darsteller: Elisa Schlott (Jessika Borowski), Petra Kleinert (Tine Borowski), Michael Lott (Ernst Borowski); 108 Minuten; FSK 12

Kinostart: 4. November

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