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Im Kino: „Drei“ von Tom Tykwer

Drei

Weil Tykwer mit der Glaubwürdigkeitsfrage die doppelte, dreifache Liebesgeschichte zugleich auch von der Moralfrage befreit (es gibt keinen Konflikt, weil die Konfrontation bis zum „Kannst du mir das mal erklären?!“ lange aufgeschoben wird), eröffnen sich für die Erzählung selbst neue Möglichkeiten. „Drei“ gibt sich immer larger than life, vergrößert alles aufs Doppelte, drückt auf die Tube, überbietet sich von Szene zu Szene weiter. Es ist auch kein Zufall, dass Tykwer seine sympathisch maßlose Experimentierübung mit Theorieschnipseln von Judith Butler bis Spinoza flankiert, in denen die Freiräume, die sich in moderner Identitätsbildung noch öffnen, ebenso angetippt werden wie die Ethik der Vielheit.
Zwei sein heißt auch: eine Idee der Liebe verfolgen, die auf dem Konzept des absoluten Vertrauens beruht, das einem erlaubt, ganz man selbst zu sein, unverstellt, dem Versprechen nach vollständig erkannt von der oder dem Zweiten, dem man sich geöffnet hat. Drei sein heißt auch: einem Dritten erlauben, einen anderen in mir zu sehen, als jene/n, der oder die ich im Paar bin. Tykwers Film, der aus Notizen und Bildern über Langzeitbeziehungen entstand, die der Regisseur schließlich mit der Idee eines Dritten verheiratete, um die erste Beziehungskonstellation durcheinanderzubringen, wird da wirklich interessant. Seine Neugier zielt nicht auf das Ergründen der psychologischen Motive seiner Fi­guren, nicht auf das Ausmalen ihrer Auseinandersetzungen, sondern darauf, noch eine Stufe tiefer zu gehen, dorthin, wo seine Figuren nur noch Modelle sind.
Auf dieser Ebene betrachtet ist „Drei“ keine Komödie über das Krisenmanagement von Langzeitbeziehungen mehr, kein pointenreicher Berlinfilm, kein Display für die herausragende Schauspielkunst von Sophie Rois, sondern ein Traktat über die Ökonomie der Liebe selbst. Dass sich Frau und Mann hier in denselben Dritten verlieben, macht den Unterschied ums Ganze und den ganzen Witz der Übung aus. Die mit größter Nonchalance gemachte Setzung öffnet den Film für einen Gedanken, den Tykwer einfach festhält, ohne eine Antwort auf die realen Konsequenzen geben zu müssen: dass in jedem von uns immer mehr Begehren steckt, als sich in einem Lebensentwurf erfüllen lässt. Sich in denselben Menschen, in den Dritten zu verlieben, heißt auch, dieses Begehren im anderen, im Zweiten anzuerkennen und in sich selbst. „Drei“ spielt mit dem Gelingen dieser Idee, für einen bunten, langen Augenblick.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Drei“ im Kino in Berlin

Drei, Deutschland 2010; Regie: Tom Tykwer; Darsteller: Sophie Rois (Hanna), Sebastian Schipper (Simon), Devid Striesow (Adam); 119 Minuten; FSK 12

Kinostart: 23. Dezember

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Tom Tykwer

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