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Im Kino: „Du sollst nicht lieben“

Ein schwules Drama in der ultra-orthodoxen Gemeinde Jerusalems anzusiedeln, kommt einem Tabubruch gleich. In der Tradi­tion des orthodoxen Judentums existiert so etwas wie Homo­sexualität nicht. Taucht sie dennoch auf, gibt es ein Problem für die Homosexualiät, aber nicht für den Talmud. „Einaym Pkuhot“ lautet der internatio­­nale Titel von Haim Tabakmans Erstlingswerk, und in der Tat schaut der Film fast schmerzhaft genau hin.
Aaron (Zohar Shtrauss) ist verheiratet und tief verwurzelt im religiösen und sozialen Leben der Gemeinde. Er gibt dem jungen Ezri (Ran Danker), der einen Studienplatz an einer religiösen Schule sucht, eine Unterkunft und einen Job. So unmerklich die sexuelle Anziehung der beiden Männer beginnt, so unausweichlich nimmt sie ihren Lauf und wird zur existenziellen Prüfung für beide, zumal die „unreine“ Situation im Mikrokosmos der Gemeinde nicht unentdeckt bleibt. Anders als in Ang Lees „Brokeback Mountain“, mit dem dieser Film bereits verglichen wurde, stehen hier der gelebten Homosexualität nicht lediglich gesellschaftliche Hürden entgegen.
Die bewegungsarme Kamera nimmt sich Zeit, Abläufe des ultra-orthodoxen Alltags der streng gläubigen Menschen möglichst unverfälscht zu zeigen. Auch ohne Großaufnahmen wird man aufmerksam auf die refrainartigen Minimalgesten der Gottesfürchtigkeit, die scheinbar beiläufig herabhängenden Zipfel der Unterbekleidung, die lebensbejahenden Gesänge mit dem Rabbi. Hier wagt es der Film, die erdrückende Vielfalt der traditionellen Regeln nicht lediglich als überholten Anachronismus abzutun, sondern der tiefen Gottesliebe Raum zu geben, auf der sie ursprünglich beruht.
Ein übermächtiger Druck, der fast körperlich spürbar auf den Haupt­figuren lastet und nur dann für kurze Zeit nachlässt, wenn sie sich ihrer Kleidung entledigen oder überraschend den vertrauten Kontext verlassen. Etwa als die beiden Männer nackt ein Tauchbad nehmen in einem See außerhalb Jerusalems, oder später, wenn sie ausgerechnet in einer Kühlkammer spontan übereinander herfallen. Ein pessimistisches Werk, das dennoch auf die Macht des Kinos vertraut.

Text: Iris Depping

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Du sollst nicht lieben“ im Kino in Berlin

Du sollst nicht lieben (Einaym Pkuhot), Israel/Frankreich/Deutschland 2009; Regie: Haim Tabakman; Darsteller: Zohar Shtrauss (Aaron), Ran Danker (Ezri), Tinkerbell (Rivka); Farbe, 90 Minuten

Kinostart: 20. Mai

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