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Im Kino: „An einem Samstag“

An einem Samstag

Für das Missverhältnis zwischen großer Geschichte und individueller Erfahrung ist Tschernobyl noch immer ein irritierend gültiges Bild. Alexander Kluge hat schon vor Jahren in einem kleinen Band bilanziert, wie die Folgen dieser Katastrophe nicht in unsere Zeitrechnungen passen, wie sie sich den Verantwortungsbereichen von Politikern und Technikern alleine durch ihre zeitliche Dimension entziehen. Die UdSSR, auf deren Territorium der Reaktor von Tschernobyl errichtet wurde, hörte fünf Jahre nach dem Super-GAU auf zu existieren, die Nachfolgestaaten sind noch 25 Jahre danach nicht in der Lage, ohne Unterstützung anderer Länder eine neue Schutzhülle über dem Sarkophag zu bauen. Das Material der Kernschmelze, das im Sockel des Kraftwerks liegt, wird Hunderttausende Jahre weiter strahlen, ebenso wie manche der Spaltprodukte, die die Wolken über halb Europa trugen. Es sind Wirkungen, die menschliches Maß übersteigen, jenseits der Kranken und Toten, die das Unglück unmittelbar hinterließ. Fukushima macht diesen fundamentalen Schock nur noch einmal lebendig.
An einem Samstag„An einem Samstag“ von Aleksandr Mindadze hat keine acht Wochen nach seiner Premiere auf der Berlinale bedrängende Aktualität bekommen. Für seinen Film, der am Tag des Super-GAUs in Tschernobyl und in der angrenzenden Stadt Pripyat spielt, ist plötzlich die Gegenwart zur Referenz geworden. „Kapiert Ihr nicht, dass so etwas nicht sein kann! Der Reaktor ist störungsfrei!“, brüllt einer der Funktionäre in „An einem Samstag“, als der Block 4 längst schon mit der Kraft einer Atombombe strahlt und jedem, der in seinen offenen Kern blickt, den Leib verbrennt. 26. April 1986. Um 1 Uhr 23 Minuten, 44 Sekunden ist der Reaktor explodiert, jetzt, nur ein paar Stunden später, läuft Valeri, der junge Parteifunktionär, die Straße zurück vom brennenden Kraftwerk nach Pripyat.
Er läuft und läuft, atemlos, stolpernd, über die leeren Straßen zurück in die Stadt, zu dem Mädchen, das er schon seit Jahren küssen will, rennt zum Bahnhof mit ihr, um einen rettenden Zug zu bekommen. Erst 36 Stunden nach der Explosion wurde Pripyat geräumt, die verantwortlichen Funktionäre hatten den Vorfall zu lange verharmlost. Einen unschuldigen Samstag lang lebten die Menschen mit Blick auf das Kraftwerk weiter, bis sie endlich evakuiert wurden.
Aleksandr Mindadze geht mit seinem rumänischen Kameramann Oleg Mutu so nahe an die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl ran, dass seine Chronik der Ereignisse selbst zum wattigen Albtraum wird. Valeri ist der Bote, dem man folgt. Das Wissen, das er hat, teilt er mit seinem Mädchen, aber als die Flucht zum Bahnhof im Samstagmorgengewusel auf den Straßen gescheitert ist, dreht der Film die ganze Dynamik gegen die Figuren selbst, sieht zu, wie ihr Kern schmilzt, an diesem langen Tag und der darauffolgenden Nacht.
An einem SamstagDie Methode, mit der Mindadze davon erzählt, ändert sich dabei nicht: Er bleibt mit der Kamera ganz nah an den Figuren dran, die auf die Katastrophennachricht hysterisch oder defaitistisch reagieren. In den besten Szenen kann man im nuancenreichen Mienenspiel der Schauspieler mitverfolgen, wie etwas zuvor Undenkbares in ihren Köpfen Gestalt annimmt, wieder weggedrängt, verschoben wird, wie Erschrecken und Hysterie ineinanderübergehen.
In den schwächeren Momenten geht die Lebendigkeit, die „An einem Samstag“ mit seiner genauen Beobachtung der Reaktionen zu Beginn herstellt, in Bildern eines leeren Exzesses verloren. Das Sammelporträt wird immer repetitiver, wird mit jedem Glas Wein und Wodka, das die Helden auf einer immer enthemmteren Hochzeitsfeier in sich leeren, mehr zur gleichnishaften Erzählung über den Untergang der Sowjetunion in der Gegenwart der Katastrophe. Der Blick in die Ruine des Reaktors, den „An einem Samstag“ den Zuschauern schenkt, offenbart das ganze Trümmerfeld der sozialistischen Zukunft. Was hier zusammenbricht, reißt jeden mit sich, auch die Passagiere der Barke, die irgendwann langsam am Reaktor vorbei treiben. Der Augenblick der Liebe ist unendlich teuer erkauft.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „An einem Samstag“ im Kino in Berlin

An einem Samstag (V Subbotu), Russland/Deutschland/Ukraine 2011; Regie: Aleksandr Mindadze; Darsteller: Anton Shagin  (Valeri Kabysch), Svetlana Smirnova-Martsinkievich (Vera), Stanislav Rjadinskij (Gitarrist); 99 Minuten; FSK 12

Kinostart: 21. April

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