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Im Kino: „Elysium“

Elysium

Ein unwirtlicher Ort ist die Erde in der Zukunft des Jahres 2154 geworden. Darin unterscheidet sich „Elysium“ nicht von den anderen aufwändigen Science-Fiction-Filmen, die in den vergangenen Monaten in die Kinos gekommen sind. Doch wo in „Oblivion“ und „After Earth“ (scheinbar) die ganze Menschheit eine neue Heimat jenseits des Planeten Erde gefunden hat, da bleibt dies in „Elysium“ den Superreichen vorbehalten. Sie leben auf der Raumstation Elysium in einem Idyll aus Villen und Gärten, während der Großteil der Menschheit auf der Erde in Großstädten dahinvegetiert, die längst wie Slums aussehen. Dort wird die Ordnung von Androiden aufrechterhalten, die in der Anwendung von Gewalt offensichtlich besser ausgebildet sind als in Deeskalationsstrategien. Und auch bei Behördengängen treffen die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes auf Holzköpfe, die gleichwohl ein feines Gehör dafür haben, wenn man sich ihnen gegenüber eines sarkastischen Tonfalls befleißigt. So jedenfalls geht es dem Fabrikarbeiter Max De Costa. Als ein Arbeitsunfall ihn eines Tages radioaktiv verseucht zurücklässt, hat er nur noch fünf Tage zu leben – falls es ihm nicht gelingt, nach Elysium zu gelangen, wo der fortgeschrittene Stand der biomedizinischen Forschung selbst Tote wieder zum Leben erwecken kann. Doch um dort hinzugelangen, bedarf es beträchtlicher (krimineller) Energie.
Elysium2009 legte der südafrikanische Filmemacher Neill Blomkamp mit seinem Debüt „District 9“ ein wahrlich originelles Debüt vor: Im Stil eines Mockumentaries gehalten, erzählt der Film von einer Alien-Invasion in Kapstadt, bei der ein kleiner Staatsdiener schließlich die Fronten wechselt und zum Widerstandskämpfer wird. Science Fiction als Kommentar zu den Problemen der Gegenwart – so funktioniert auch „Elysium“. „Es sollte kein Film über die Zukunft sein, sondern einer über die Gegenwart – ein Blick auf die Gegenwart durch den Spiegel, der sich uns öffnet, indem wir vorgeben, in der Zukunft zu sein“, erklärt Blomkamp im Interview. Wie realistisch sein Film ist, zeigt sich auch darin, dass er für sein Los Angeles der Zukunft nahezu 1:1 auf das Mexico-City der Gegenwart zurückgreifen konnte. „Dort fand ich all die notwendigen Elemente: Überbevölkerung, Umweltverschmutzung und Verbrechen. Am Ende benötigte ich gerade einmal für eine einzige Einstellung visuelle Effekte.“
Der sarkastische Tonfall von „District 9“ ist in „Elysium“ zwar noch in einigen Momenten zu spüren, aber in erster Linie hat Blomkamp den Film als rasanten Thriller, als Wettlauf gegen die Zeit inszeniert, in dem die Informationen über diese schöne neue Welt ganz verknappt sind. „Ich schätze Filme, die dem Zuschauer nicht alles vorkauen, wo er wirklich aufpassen muss, dass er alle Informationen mitbekommt. Das halte ich einfach für realistischer.“
Diese entschlackte Erzählweise ergibt einen höchst physischen und ganz und gar funktionalen Film, in dem Matt Damon einmal mehr die Rolle des Durchschnittsmannes verkörpert, der über sich hinauswächst, während Jodie Foster und William Fichtner als aalglatte Anzugträger fungieren. Inmitten dieser Funktionalität gibt es allerdings eine Figur, die einen beträchtlichen Mehrwert besitzt: Der „sleeper agent“ Kruger, der auf der Erde die schmutzigen Jobs der Regierung erledigt, ist eine wandelnde Zeitbombe, die gleich mehrfach explodiert. Sharlto Copley, der schon die Hauptrolle in „District 9“ verkörperte, spielt ihn als ehemaligen südafrikanischen Söldner, der mit Freude Menschen tötet, aber im nächsten Moment einem kleinen Mädchen ein Wiegenlied vorsingt. „Davon stand nichts im Drehbuch, das fiel ihm in diesem Moment ein“, so Blomkamp über seinen Freund. „Er machte aus dem, was ich geschrieben hatte, sein eigenes verrücktes Ding. Seine Figur ist aggressiv und gefährlich, aber auch urkomisch.“ Zur realistischen Erzählweise passt das Ende, das Blomkamp „uplifting“ nennt, aber hinzufügt: „Man soll das Kino nicht deprimiert verlassen. Aber auf dem Nachhauseweg sollte einem dieses Ende mehr und mehr zu denken geben, denn: Ist das nicht vollkommen utopisch?“

Text: Frank Arnold

Fotos: 2013 Sony Pictures Releasing GmbH

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Elysium“ im Kino in Berlin

Elysium, USA 2013; Regie: Neill Blomkamp; Darsteller: Matt Damon (Max De Costa), Jodie Foster (Ministerin Delacourt), Sharlto Copley (Kruger); 110 Minuten; FSK 16

Kinostart: 15. August

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