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Im Kino: „Enemy“

Enemy

Zwillinge, Klone und Kopien sind ein häufiges Motiv in Literatur, Kino und Populärkultur, die Frage, was einen Menschen aus- und einmalig macht, bietet ein weites narratives Spielfeld. Auch Josй Saramagos Roman „Der Doppelgänger“ beschäftigt sich mit einem Menschen in zwei Versionen und damit einhergehenden Realitätsverschiebungen. Für den kanadischen Regisseur Denis Villeneuve war das reizvolles Ausgangsmaterial für seinen ersten englischsprachigen Film, die Doppelrolle von „Enemy“ besetzte er mit Jake Gyllenhaal.
Der habe sich, erklärte Villeneuve, sehr gerne auf dieses filmische Experiment eingelassen. Der Filmemacher und der Schauspieler seien während der Produktion von „Enemy“ gute Freunde geworden, sagt Villeneuve; beide haben im Anschluss den düsteren Krimi „Prisoners“ gedreht. „Enemy“ war dabei eine wohl fast intime Sache. „Monatelang haben eigentlich nur wir beide an dem Film gearbeitet und dabei über Filme und das Leben geredet, Schauspiel, Regie, eigentlich über alles“, beschreibt das der Regisseur. „Da ist eine sehr starke Bindung entstanden.“
EnemyDiese Bindung erklärt Stärken wie Schwächen des Films. Zunächst geht es um den Geschichtsprofessor Adam Bell (Gyllenhaal), ein mausgrauer Mann, der vor desinteressierten Studenten über Unterdrückung referiert. Bell strahlt etwas Unglückliches aus, selbst die Begegnungen mit seiner Geliebten Mary (Mйlanie Laurent) wirken mechanisch und freudlos. Doch dann flackern doch Emotionen auf: Auf einer DVD entdeckt Bell einen Schauspieler, der ihm erstaunlich, ja erschreckend ähnlich sieht. Der Lehrer recherchiert: Auch Anthony St. Clair (Gyllenhaal) lebt in Toronto. Irgendwann kommt es zur Begegnung in einem halbdunklen Hotelzimmer: Äußerlich gleichen sich beide, haben denselben Vollbart, die gleiche Narbe auf der Brust. Charakterlich könnten sie verschiedener nicht sein: St. Clair fährt ein großes Motorrad, er ist mit der hochschwangeren Helen (Sarah Gadon) verheiratet, er ist fordernd, sexuell, ein Macher. Können, müssen beide ihre Plätze und Rollen tauschen? St. Clair will das, er will auch Bells Freundin.
„Enemy“ wirkt unfertig, ein düsterer Trip, ein nur skizziertes Gedankenspiel über Identität und Obsessionen frei nach Buсuel, Cronenberg und Sigmund Freud. Doch die dramaturgischen Fragezeichen treten angesichts anderer Qualitäten in den Hintergrund. Gyllenhaal spielt ähnlich reduziert wie bei „Prisoners“, auch hier entwickelt das bemerkenswerte Wucht. Villeneuves Film überzeugt als bedrückendes Stimmungsbild: Mit gelb- und braunstichigen Bildern macht Kameramann Nicolas Bolduc Toronto zu einer lebensfeindlichen, modernistischen Betonwüste, der Score von Danny Bensi und Saunder Jurriaans steigert mit tiefen Streichern und Dissonanzen gekonnt die Albtraumhaftigkeit dieses Kammerspiels, dessen Motive und Einstellungen einen noch lange nach dem letzten Schreck-Moment beschäftigen.

Text: Thomas Klein

Fotos: capelight pictures 2004-2014

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Enemy“ im Kino in Berlin

Enemy, ?Kanada/Spanien 2013; Regie: Denis Villeneuve; Darsteller: Jake Gyllenhaal (Adam/Anthony), Mйlanie Laurent (Mary), Sarah Gadon (Helen); 90 Minuten; FSK 12

Kinostart: 22. Mai

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