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Im Kino: „Feuerwerk am helllichten Tag“

Feuerwerk am helllichten Tag

Es ist mittlerweile zum Allgemeinplatz geworden, dass China der große Zukunftsmarkt des Kinos ist: Amerikanische Unterhaltungskonzerne und Hollywood-Studios investieren eifrig in Joint Ventures mit meist wenigstens teilweise staatlichen Produktionsgesellschaften, in der Volksrepublik hingegen werden Multiplexe gebaut und eigene Filmtechnologien wie das Großbildsystem DMAX entwickelt. Der Kino-Hunger in China und die dort verfügbaren Geldmittel haben Folgen für das internationale Geschäft – große US-Spektakel wie „Iron Man 2“ oder der neue „Transformers“-Film werden inzwischen erkennbar auf die Vorlieben und Empfindsamkeiten des chinesischen Marktes zugeschnitten. Doch der anhaltende Film-Boom hat offenbar auch für chinesische Regisseure Vorteile, denn zumindest im Gewand des Unterhaltungsfilms sind wenig vorteilhafte Gesellschaftsbilder möglich.
Feuerwerk am helllichten TagDafür ist Diao Yinans „Feuerwerk am helllichten Tag“ ein gutes Beispiel. An der Oberfläche erzählt Diao eine Noir-Geschichte, die mit einem Mord beginnt. In der abgelegenen, nordchinesischen Provinz, einer Bergbau-Region, werden 1999 in Kohletransporten akkurat verpackte Leichenteile gefunden, jemand wurde ermordet und zerstückelt. Die Polizei beginnt ihre Ermittlungen und folgt einer eher vagen Spur, doch das endet bald im Blutbad: Eine Schießerei mit zwei Verdächtigen überlebt nur Kommissar Zhang (Liao Fan) schwer verletzt.
Ein Trauma, von dem er sich nicht erholt. Fünf Jahre später ist aus dem adretten und entschlossenen Polizisten ein versoffenes, schmuddeliges Wrack geworden, abgeschoben in den Sicherheitsdienst einer Fabrik. Eher nebenbei erzählt ihm sein ehemaliger Vorgesetzter, dass es jetzt neue Funde gegeben hat, die Überbleibsel von zwei Männern wurden wie einst verpackt und verteilt. Eine Spur führt dabei zur Witwe des Mordopfers von einst, Wu Zhizhen (Gwei Lun Mei), die in einer Reinigung arbeitet. Erst aus der Ferne, dann immer näher beobachtet Zhang die stille junge Frau, sucht das Gespräch, verbringt mit ihr Zeit.
Ist das Polizeiarbeit, will Zhang seine Schuld und sein Trauma abarbeiten? Oder doch die sich zögerlich entwickelnde Liebe zwischen zwei Gestrandeten? Diao Yinan hat auch das Drehbuch zu „Feuerwerk am helllichten Tag“ geschrieben, er lässt vieles offen und in der Schwebe. Er folgt dem Noir-Reglement, wenn man unsicher ist, ob hier ein oft erschreckend grobklotziger Mann doch nur ein Machtspielchen versucht oder ihn nicht doch die zarte, wortkarge Frau manipuliert. Als Kriminalgeschichte ist Diaos Film eher unübersichtlich erzählt, doch dafür entwickelt der Filmemacher eine bemerkenswerte, teils bedrückende, teils lyrische Atmosphäre.
Feuerwerk am helllichten TagDabei profitiert er von der ungeheuren Bildgewalt, die Kameramann Dong Jinsong entfaltet. Kaltes Herbstlicht und verschneite Kleinstadtbilder, kontraststarke Fabrikaufnahmen, das Spiel mit Licht und Farben bestimmen „Feuerwerk am helllichten Tag“. Einige Sequenzen begleiten einen noch lange: Wenn der Film fünf Jahre überspringt und man Zhang sturzbetrunken an einer verschneiten Tunnelausfahrt am Straßenrand sitzend wiederfindet, entwickelt das Wucht und Kitzel.
Für die Geschichte und ihre Bilder gab es bei der diesjährigen Berlinale den Goldenen Bären, Hauptdarsteller Liao Fan wurde als bester Darsteller ausgezeichnet. Verdiente Auszeichnungen für einen Film, der eben auch etwas über das heutige China sagt. Wie in Diao Yinans ähnlich hintersinnigem „Uniform“ (2003) skizziert auch „Feuerwerk am helllichten Tag“ keine hübsche Realität: Der barsche Ton der Staatsmacht, der heruntergekommene Arbeiter-Imbiss in einer seelenlosen Plattenbau-Siedlung, das trübsinnige Alltagsleben in der Provinz wirbt kaum für eine aufstrebende Industrie-Nation. Diao Yinan folgt auch damit den Kino-Traditionen. Auch der amerikanische Film Noir und der französische Polar waren doppelbödige, oft regelrecht subversive Kommentare über gesellschaftliche Zerfallsprozesse. „Feuerwerk am helllichten Tag“ beweist sich so als Charakter- wie als Milieustudie mit starken Bildern, aber auch klarem Blick.

Text: Thomas Klein

Fotos: Weltkino Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Feuerwerk am helllichten Tag“ im Kino in Berlin

Feuerwerk am helllichten Tag (Bai ri yan huo), China 2014, Regie: Diao Yinan; Darsteller: Liao Fan (Zhang Zili), Lunmei Kwai (Wu Zhizhen), Wang Xuebing (Liang Zhijun); 106 Minuten

Kinostart: Do 24.7.2014

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