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Im Kino: „Fish Tank“

Fish Tank

„You cunt… I’m pissed off, bitch…“ Obszöne Wortwechsel zwischen Mutter und Tochter gibt es so einige in „Fish Tank“. Und es gilt, sich auf einen harten britischen Akzent einzulassen. „Ich kenne die Gegend, wo die Geschichte spielt, ziemlich gut und wollte, dass die Figuren authentisch sprechen. Ich mag auch dieses Fluchen, weil es sehr expressiv sein kann“, erklärt die Filmemacherin Andrea Arnold dazu im Gespräch.
Mia (Katie Jarvis) ist fünfzehn. Graue Jogginghose, Kapuzenjacke, Pferdeschwanz. Die Kopfnuss, die sie gleich zu Anfang einem gleichaltrigen Mädchen aus der Siedlung versetzt, kommt aus heiterem Himmel. Später erfahren wir: Das war eine gebrochene Nase. Dann, in einer abgeranzten, leeren Wohnung irgendwo in einem Häuserblock, ist Mia für sich allein. Zu den Beats eines HipHop-Songs improvisiert sie ein paar Bewegungsabläufe und sieht auf einmal kraftvoll und schön aus.
Andrea Arnold hat die Hauptrolle mit einer Laiendarstellerin besetzt, die aus derselben Gegend östlich von London stammt. Sie entdeckte Katie Jarvis auf einem Bahnsteig, als diese gerade mit ihrem Freund stritt. „Ich liebe Schauspieler, aber ich liebe genauso die ’normalen‘ Leute ohne Schauspielerfahrung. Da bin ich immer neugierig. Manchmal braucht es jemanden, der etwas Authentisches und Spezifisches hat, das exakt in die Welt dieses Films passt.“
In der Tat, Katie hat die Wehrhaftigkeit eines britischen Lower-Class-Girls und dazu eine bemerkenswert ungekünstelte Leinwandpräsenz. Im Skript ging es um ein Mädchen, das Tänzerin werden möchte. Dass HipHop die tragende Musik werden würde, entschied sich erst, als die Hauptdarstellerin feststand. Arnold: „Das Physische im HipHop, der sexuelle Subtext, den es dort häufig gibt, schien mir für Katie genau das Richtige zu sein, um sich auszudrücken.“
Fish TankKriminell? Ein Fall für das Jugendamt? Oder einfach nur asozial? Ja, Mia ist von der Schule geflogen, und es gibt da diesen behördlichen Brief. Doch der Sicherheitsabstand, den ein sozialkritischer Blickwinkel bieten würde, wird im Film auf beeindruckende Weise weggefegt von einer unmittelbaren Kraft der Bilder, die ihre eigene Moral haben und manchmal auch ihren eigenen Witz.
Es wurde chronologisch gedreht, und die Darsteller bekamen im Vorfeld kein Skript. Keine Möglichkeit, etwas hinzuzufügen, das nicht unmittelbar dem Moment dient. Da ist zum Beispiel Connor (Michael Fassbender), der neue Freund von Mias frustrierter sexy Mutter (Kierston Wearing). Instinktsicher und zupackend nimmt er vorübergehend einen Platz ein im empfindlichen familiären Gefüge. Mit unvorhersehbaren Konsequenzen. Etwa als er Mia fürsorglich ins Bett trägt und teilweise entkleidet. Ein atemloser, zärtlicher Moment, bei dem sich Mia schlafend stellt. Wo genau zwischen sexuellem Kontext und vertrauter Familiensituation sich die beiden in diesem Augenblick befinden, ist schwer zu sagen. Die Figuren haben nur sich selbst und die Situation.
„Ich weiß es übrigens auch nicht!“ sagt Andrea Arnold und lacht herzlich. „Als wir diese Bilder geschnitten haben, merkten wir, wie stark sie im Film sein würden. Für Michael, der viel professionelle Schauspielerfahrung mitbrachte, war unsere Arbeitsweise nicht immer leicht. Katie und Michael haben sich gegenseitig geholfen, denke ich.“ Der erfahrene Schauspieler und die Laiendarstellerin, der erwachsene Mann und das Mädchen. Und eine Regisseurin, die furchtlos genug ist, die Alchemie des Augenblicks zuzulassen.

Text: Iris Depping

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Fish Tank“ im Kino in Berlin

Fish Tank, Großbritannien 2009; Regie: Andrea Arnold; Darsteller: Katie Jarvis (Mia), Michael Fassbender (Connor), Kierston Wearing (Joanne); 122 Minuten

Kinostart: 23. September

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