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Im Kino: Forest Whitaker als „Der Butler“

Der Butler

Wer wirklich wissen will, wie es in hohen Häusern zugeht, muss mit den Dienstboten sprechen. Sie schreiben zwar nicht Geschichte, doch sie bekommen davon eine Menge mit. Das trifft besonders auf Cecil Gaines zu, einen Afroamerikaner, der einer ganzen Reihe von Präsidenten im Weißen Haus den Kaffee oder den Tee serviert hat. Die Mächtigen kamen und gingen, mit allen Ehren oder in Unehre, nach einem Attentat oder einfach einer Abwahl. Doch Cecil ?Gaines überdauerte sie fast alle in seiner Rolle als dienstbarer Geist.
In „Der Butler“ erzählt Lee Daniels diese Geschichte, die von einer Reportage in der „Washington Post“ über Eugene Allen ausgeht, in ihrer filmischen Umsetzung allerdings deutlich über diesen konkreten Fall hinaus zielt. Die Präsidentschaft von Barack Obama bildet den Horizont, der entscheidende Bezugspunkt aber ist die Zeit der Bürgerrechtsbewegung in den 1950er- und 1960er-Jahren. Damals begannen die Kämpfe um die gesellschaftliche Gleichstellung der schwarzen Bevölkerung, die erst mit dem Wahlsieg von 2008 ein symbolisches Ende fanden. „Der Butler“ ist vor allem die Rekapitulation dieser historischen Bewegung in einer doppelten Form: Privates Leben und große Politik sind nicht zu trennen.
Die Karriere von Cecil Gaines enthält einen Zivilisationssprung. Als Kind wusste er nur über eine Sache Bescheid, so sagt er anfangs: „Baumwolle“. Damit verbindet sich eine Kultur der Sklaverei, die auch nach deren offiziellem Ende noch lange fortwirkte und den Afroamerikanern weiterhin die Feldarbeit zudachte. Dass Gaines mit den feinen Dingen des Lebens umzugehen lernt, verdankt sich einem Zufall. Er gelangt schließlich in ein Hotel in Washington, wo jemand aus dem Weißen Haus auf ihn aufmerksam wird.
Ein vollendeter Diener ist einer, der nichts hört und nichts sieht, und im Weißen Haus gibt es eine ganze Menge zu hören und zu sehen. Auf dieses Paradox baut der Drehbuchautor Danny Strong, und Forest Whitaker, der den Cecil Gaines spielt, lässt es zu einer leibhaftigen Anstrengung werden. Er lässt genau den Unterschied sichtbar werden, den sein Auftreten für uns macht (wir sehen ihn ja nicht als Diener, sondern als Helden) und den es für die Präsidenten machte. Sie sollen nicht auf ihn aufmerksam werden, wir aber sehen in seinem Auftreten eine ungeheure Spannung.
Der ButlerSo wird Cecil Gaines in „Der Butler“ zu einem Verwandten von „Zelig“ oder „Forrest Gump“ – zu einem unwahrscheinlichen Geschichtszeugen, ja mehr noch, zu einem, der selbst an der Geschichte mitschreibt. An einer Stelle spielt Strong ausdrücklich mit den beiden Begriffen „subservient“ (dienstbar) und „subversiv“, und mehrfach wird zumindest angedeutet, dass Gaines bei aller Diskretion doch so manche Entscheidung mitbeeinflusst haben könnte. Dabei lässt „Der Butler“ fast alle Präsidenten der letzten fünfzig Jahre auftreten, in mal besser, mal schlechter gelungenen „lebensnahen“ Verkörperungen (am besten macht John Cusack die Sache als Nixon, und Jane Fonda hat einen starken Auftritt als First Lady Nancy Reagan).
Viel wichtiger aber ist, dass „Der Butler“ die große Geschichte in die private der Familie Gaines spiegelt. Besonders stark sind die Szenen, in denen Gloria Gaines (Oprah Winfrey) mit Nachbarn und Freunden abhängt, nicht selten wird dabei getrunken, geflirtet, aber eben auch über Politik reflektiert. Und der Sohn Louis (David Oyelowo) wird zur Kontrastfigur: Er geht in den Süden, macht bei den Aktionen der Bürgerrechtler mit, muss zeitweise ins Gefängnis, und wird schließlich zu einem Black Panther. Die Geschichte von „Der Butler“ wird dabei manchmal ein wenig schematisch, doch löst Lee Daniels das im Stile eines großen Hollywood-Melodrams immer wieder auf. Die Familie Gaines verkörpert im Grunde alle Optionen der afroamerikanischen Bevölkerung, auch die negativen (Drogensucht, Gewalt, servile Anpassung). Für seinen Sohn erscheint Cecil Gaines schließlich wie eine Reinkarnation von „Onkel Tom“, also jener Figur aus dem Buch „Onkel Toms Hütte“, die nicht für ihre Rechte kämpft und auf die auch Samuel L. Jacksons Rolle in „Django Unchained“ gemünzt war.
Vor vier Jahren machte Lee Daniels mit „Precious“ auf sich aufmerksam, in dem ein Mädchen aus Harlem sich gegen schlechteste Voraussetzung auf einen Bildungsweg in Richtung Emanzipation machte. Mit „Der Butler“ weitet sich nun der Blick, eindeutig geht es hier um das Epos zweier Generationen, erzählt in einer konventionellen Dramaturgie, die letztlich optimistisch bleibt und den Rassismus, mit dem gerade auch Obama konfrontiert wurde, eher unterschlägt. Darin ist der Film von Daniels sehr amerikanisch: Geschichte führt auch für ihn zum Besseren. Doch auf dem Weg und während der Dauer des Films werden die Spannungen nicht unterschlagen. Vor allem zwischen den zahlreichen afroamerikanischen Stars, die hier zu sehen sind, entwickelt sich ein komplexes Ringen um das richtige Verhalten. Der Butler ist für alles zuständig außer Politik. Das macht seine Rolle so politisch und diesen Film sehr interessant.

Text: Bert Rebhandl

Foto: 2013 PROKINO Filmverleih GmbH

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Der Butler“ im Kino in Berlin

Der Butler (The Butler), ?USA 2013; Regie: Lee Daniels; Darsteller: Forest Whitaker (Cecil Gaines), Oprah ?Winfrey (Gloria Gaines), David Oyelowo ?(Louis Gaines); 130 Minuten; FSK k. A.

?Kinostart: 10. Oktober

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