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Im Kino: „Francofonia“

Im Kino:

Ein Schiff treibt durch den Atlantik, beladen mit Containern voller Kunst, mit Gemälden und Skulpturen aller globaler Zivilisationen, die der Louvre kennt. Ein Schatz, ein bewegliches Anlagevermögen, das nun in ­einem monströsen Sturm zu versinken droht. Regisseur Alexander Sokurov inszeniert sich in „Francofonia“ selbst als Auftraggeber dieser gefährlichen Reise. Immer wieder unterbricht er seinen mäandernden Film, um mit dem Schiffskapitän via Skype die Lage zu verhandeln, empfängt Nachrichten von den Brecherwellen, die alles in den Untergang zu reißen drohen, wenn das Schiff nicht bald containerweise seinen Kunstballast abzuwerfen beginnt.
Doch wenn der 64-jährige Russe vom Untergang der Kunst erzählt, dann taucht schnell an anderer Stelle aus den Mahlströmen der Geschichte wieder vergessenes ­Material auf. Wie etwa jene Geschichte, um die so fein die Erzählfäden von „Francofonia“ gewickelt sind: Sie dreht sich um die authentische Figur Graf Wolff-Metternich, deutscher Aristokrat und Wehrmachtsoffizier, der die Kunstschätze des Louvre sichern (und gegebenenfalls verschleppen sollte), aber sich im Einvernehmen mit dem französischen Direktor des Museums für den Schutz der Kunstwerke entschied.
Zwei Männer mit eigener Agenda, die Geschichte ­machen wollen, an einem besonderen Ort – wie schon in „Russian Ark“ (in dem der Filmemacher 2002 die St. Petersburger Eremitage zum Schauplatz gewählt hatte), verliert sich auch „Francofonia“ lustvoll in seinem Bauwerk, dem Louvre. Sokurov gelingt es dabei mühelos, Dokubilder oder recherchiertes Material mit reiner Fiktion zu vermischen. US-Newsreels und Deutsche Wochenschau können bruchlos in Spielfilmszenen übergehen, Paris-Postkarten beleben sich, und auch Frankreichs National-Ikonen Marianne und Napoleon springen aus den Bildern und beginnen Dialoge mit Sokurov, ihrem allmächtigen Gott, zu führen. Immer wieder hat das deutliche Züge einer Komödie, auch wenn zugleich ein sehr düsterer Grundton behalten wird. Mitten in seiner Louvre-Expedition erinnert Sokurov daran, wie selektiv der deutsche Respekt doch war, der sich in dieser Kunstepisode und in der Übernahme des offenen Paris zeigt: „Ach Frankreich, wie glücklich warst Du, dass Deutschland Dein Existenzrecht anerkannt hat!“, seufzt er, als er an Leningrad denkt und an den Vernichtungswillen, mit dem Wehrmacht und SS Osteuropa und die Sowjetunion überfielen.
Vielleicht steckt in dem komplexen Porträt der beiden Männer, die in seinem Film um das kunsthistorische Gedächtnis des Louvres ringen (und sich gegen größere Mächte in Berlin behaupten) auch ein Stück Selbstporträt. Als nach seiner Tetralogie über Lenin, Hitler und Kaiser Hirohito („Taurus“, „Moloch“, „Die Sonne“) die Finanzierung seines letzten Films „Faust“ nicht vorankam und das teure Projekt zu scheitern drohte, erzählte Sokurov seinem Präsidenten Wladimir Putin bei einer Audienz von seinen Nöten. Ein paar Wochen später hatte er einen Scheck einer Petersburger Kulturstiftung auf dem Tisch, die die zehn Millionen Euro für sein Projekt im Alleingang bereitstellte. Putins Lust an der monarchischen Geste (und, seinerzeit, an der Pflege der deutsch-russischen Beziehungen) hatten sich da glücklich mit Sokurovs Kunstplänen getroffen.
Das Ansinnen, in Putins Yedinaya Rossiya-Partei einzutreten, das wiederholt an ihn herangetragen ­wurde, lehnte der Regisseur allerdings stets ab. Es bleibt ein schwieriges Geschäft, „die Kunst über den Ozean der Zeit zu schleppen“, wie es in seinem Film heißt. „Francofonia“ erzählt davon als schwankendes Selbstporträt des Regisseurs. Den eigenen Platz im Louvre hat er sich damit in jedem Fall schon gesichert.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Piffl Medien

Orte und Zeiten: Francofonia

Francofonia D/F/NL 2015, 84 Min., R: Alexander Sokurov

Kinostart: Do, 3. März 2016

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