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Im Kino: „Fräulein Stinnes fährt um die Welt“

Am 25. Mai 1927 begann in Frankfurt mit dem feierlichen Start der ersten Erdumrundung im Automobil ein waghalsiges Unternehmen – und ein sich über Jahre hinziehendes Medienereignis. Die 26-jährige Clärenore Stinnes steuerte ihren Adler Standard 6 Richtung Osten über 46.758 km und durch 23 Länder, bis sie am 24. Juni 1929 unter dem Beifall von Pub­­­li­kum und Presse auf der Avus eintraf.
Achtzig Jahre später rekons­tru­iert Erica von Moeller in ihrem dokumentarischen Spielfilm „Fräulein Stinnes fährt um die Welt“ dieses zugleich mutige und naive Projekt. Die Tochter des Schwerindustrie-Magnaten Hugo Stinnes und erfolgreiche Ralleyfahrerin hatte ihr Vorhaben durch Sponsoren und den Vertrag für einen Film über die Reise finanziert. Als Kameramann und Fotograf engagierte sie den Schweden Carl-Axel Söderström, zwölf Jahre älter und verheiratet. Die zwei mitreisenden Mechaniker gaben unterwegs auf, der Begleit-LKW blieb auf der Strecke, doch die motorisierte Amazone und ihr Dokumentarist überstanden Bürgerkrieg und sibi­rischen Winter, durchquerten die Wüs­te Gobi und die Anden.
Die Odyssee hat in ihrer selbstzweckhaften Besessenheit antikes Format und entspricht gleichzeitig der Technikeuphorie der 20er Jahre. Doch die Strapazen der Reise kommen kaum an den Zuschauer heran, sind auf sicherem Abstand gehalten durch den vermittelten Erzählstil: die im Monopoly-Stil animierte Landkarte, der Off-Kommentar des schwedischen Kameramannes mit dem putzigen Akzent, die authentischen Bilddokumente des Films von 1931, und nicht zuletzt die grandiosen Landschaftsaufnahmen von Sophie Maintigneux, die den Kampf der Protagonisten oft zur Staffage reduzieren. Dieses Herunterschalten der affektiven Betriebstemperatur hat den paradoxen Effekt, die Anstrengung und Verzweiflung eines solchen Unterfangens in seiner zeitlichen Dimension erlebbar zu machen für eine Gegenwart, in der die absurdesten Rekorde nur noch eine Kurzmeldung in den vermischten Nachrichten wert sind.
Wo ein Film wie „Nordwand“ die Rekonstruktion eines körperlichen Erlebens versuchte, vermittelt „Fräulein Stinnes“ eine Ahnung von der Weite und Verlorenheit einer infrastrukturell und kommunikativ noch nicht erschlossenen Welt.
Sandra Hüller spielt an gegen dieses fragmentierte Erzählen, das nur Raum lässt für die geschliffene Replik und die bedeutsame Pose und so wenig von dem ungefähren Dazwischen zulässt, das diese Schauspielerin gerade zum Leuchten bringt. Und doch kommt sie in Anzug und Krawatte dem widerborstigen Charme der historischen Clärenore ziemlich nahe, macht sie die zurückgesetzte Toch­ter ebenso plausibel wie die widerwillig Liebende. In einem klugen und kurzweiligen Film, der dankenswerter Weise wenig erklärt und nichts behauptet von dem, was zwischen zwei Menschen passiert, die gemeinsam mehr als eine Wüste durchqueren.

Text: Stella Donata Haag

tip-Bewertung: Sehenswert

Kino und Orte: „Fräulein Stinnes fährt um die Welt“ im Kino in Berlin

Fräulein Stinnes fährt um die Welt, Deutschland 2009; Regie: Erica von Moeller; Darsteller: Sandra Hüller (Fräulein Stinnes), Bjarne Henriksen (Söderström), Martin Brambach (Journalist); Farbe, 90 Minuten

Kinostart: 20. August

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