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Im Kino: „Get – Der Prozess der Viviane Amsalem“

Get - Der Prozess der Viviane Amsalem

Die israelische Schauspielerin Ronit Elkabetz ist eine intensive Frau mit großen, schwarzen Augen in einem bleichen, markanten Gesicht, das wie aus Stein gemeißelt wirken kann. Und einer tiefen Stimme, mit der sie Szenen beherrscht und Zuschauer tief in Abgründe von Sehnsucht, Gleichgültigkeit oder Zorn blicken lässt. In Israel ist sie ein Star – mit Filmen wie „Hochzeit wider Willen“ und „Die Band von nebenan“ ist sie auch in Europa bekannt geworden.
In ihrem neuesten Film ist sie fast nur Gesicht und kaum Stimme. „Get“ handelt vom Gerichtsprozess der Vivane Amsalem, einer orthodoxen sephardischen Israelin, die sich von ihrem Mann scheiden lassen will. Vor dem rabbinischen Gericht ist sie kaum aussageberechtigt; fast durchgehend spricht ihr Anwalt (Sasson Gabay) für sie, wenn sie vor Gericht auf ihren Ehemann Elisha (Simon Abkarian) trifft. Die Ehe ist zerrüttet, das Zusammenleben ist für beide Seiten qualvoll, seinem emotionalen Rückzug stehen ihre explosiven emotionalen Ausbrüche gegenüber. Aber als religiöser Mann verweigert sich Elisha trotzdem der Scheidung – und nach jüdischem Eherecht kann nur er eine solche aussprechen. So kommt es zu monatelangen, quälenden Verhandlungen, in denen Zeugen über die Qualität der Ehe aussagen, Vertreter des Ehemannes die Ehrbarkeit von Viviane in Zweifel zu ziehen suchen, die Rabbiner mal den Mann zur Einwilligung drängen, mal die Frau zurechtweisen, mal das Paar missmutig wieder nach Hause schicken und dazu anhalten, sich gefälligst untereinander zu einigen.
Get - Der Prozess der Viviane Amsalem„Get“ ist der letzte Teil einer Trilogie, die Ronit Elkabetz zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Shlomi Elkabetz in den letzten zehn Jahren geschrieben und inszeniert hat: Schon „Getrennte Wege“ von 2004 und „Shiva“ („7 Tage“) von 2008 widmen sich der unglücklichen Ehe von Viviane, einer Frau, die im orthodoxen jüdischen Milieu nach Freiheit und Selbstbestimmung sucht.
Die Elkabetz-Geschwister kommen selber aus einem religiösen sephardischen Elternhaus und haben in diesen drei gemeinsamen Filmen auch ihr Herkunftsmilieu porträtiert. „Die Filme sind nicht autobiografisch, Viviane ist eine fiktive Figur. Aber sie ist von unserer Mutter inspiriert. Die hat zwar nie einen Fuß in einen Gerichtssaal gesetzt, aber die Essenz dieser Figur ist auch diejenige unserer Mutter“, erzählt Shlomi Elkabetz beim Gespräch letzten Herbst kurz nach der Deutschlandpremiere von „Get“ beim Filmfestival Hamburg.
Die Porträtierung nicht nur eines religiösen Milieus, sondern auch speziell der sephardischen, also aus arabischen Ländern stammenden Juden, die in Israel seit der Staatsgründung unter der Dominanz der aschkenasischen Eliten leiden, sei ihnen wichtig gewesen. „Bis vor etwa zehn Jahren, eigentlich bis wir angefangen haben, unsere Filme zu drehen, gab es kaum korrekte Darstellungen von sephardischen Israelis im israelischen Kino. Das war immer eher eine Art Karikatur, ein Stereotyp – der dusselige Orientale. Wir stellen diese Kultur nun von innen dar. Nach unserem letzten Film ‚Shiva‘ haben mir viele Menschen gesagt, sie hätten sich zum ersten Mal überhaupt auf einer Leinwand wiedergefunden.“
Get - Der Prozess der Viviane Amsalem„Get“ ist aber nicht nur eine Milieustudie, sondern auch ein radikal politischer und feministischer Film. Die Verächtlichkeit, mit der die Rabbiner Viviane als Frau behandeln, ist zuweilen fast unerträglich. Dass Viviane sich diesem System geduldig beugen muss, auch wenn sie nicht physisch gezwungen wird, ist für Shlomi Elkabetz zentral: „Viviane kann sich nur im Rahmen ihrer eigenen Gesellschaft befreien. Natürlich zwingt sie niemand, bei ihrem Mann zu bleiben, natürlich würde sie nicht gesteinigt, wenn sie einfach wegginge. Aber sie würde sich damit vollkommen aus ihrer Gesellschaft ausschließen.“
Elkabetz geht es aber nicht vorrangig um Kritik an den Gebräuchen religiöser Juden. Das Problem der Ungleichberechtigung im Scheidungsfall betreffe auch nichtreligiöse Frauen: Da Israel bis heute keine zivilen Eheschließungen und Scheidungen kenne, seien selbst Paare, die etwa durch eine Heirat im Ausland die religiöse Ehe umgingen, spätestens bei der Scheidung wieder an die rabbinischen Gerichte verwiesen. Und die fast absolute Machtfülle der Männer im Scheidungsfall hätte ein katastrophales Ungleichgewicht in Ehen zur Folge: „Das Perfide dieses Systems beginnt schon weit vor der eigentlichen Scheidung: Nur schon das Wissen darum, dass der Ehemann die Macht hat, sie zu verweigern, schüchtert Frauen ein. Und dass er diese Macht dazu missbrauchen kann, um sie zu erpressen, etwa um bessere Bedingungen beim Sorgerecht oder bei finanziellen Vereinbarungen für sich auszuhandeln.“
„Get“ ist ein eindrücklicher und hochpolitischer Film über die konfliktreiche religiöse Prägung des jüdischen Staates. Letztes Jahr lief er in Cannes, er ist der israelische Kandidat für die fremdsprachigen Oscars – schöne Erfolge. Vor allem aber soll er in Israel selbst eine gesellschaftliche Debatte anstoßen. Das ist zumindest die Hoffnung von Shlomi Elkabetz.

Text: Catherine Newmark

Fotos: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Orte und Zeiten: „Get – Der Prozess der Viviane Amsalem“ im Kino in Berlin

Get – Der Prozess der Viviane Amsalem (GETT), Israel/Deutschland/Frankreicg 2014; Regie: Ronit und Shlomi Elkabetz; ?Darsteller: Ronit Elkabetz (Viviane Amsalem), Menashe Noy (Carmel Ben Tovim), Simon Abkarian (Elisha ?Amsalem); 116 Min.

Kinostart: Do, 15. Januar 2015

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