Kino & Stream

Im Kino: „Gloria“

Gloria

Single-Night in einer Diskothek in Santiago de Chile: Männer und Frauen mit grauen Schläfen oder sorgfältiger Tönung, viele Brillen, gelegentlich Perlenketten. Sie feiern, tanzen, flirten zum Diskosound ihrer Jugend. Menschen im sogenannten besten Alter – ein offensichtlicher Euphemismus, der bei näherem Hinhören sein Gegenteil unterstellt, nämlich Resignation und Verfall. Sebastiбn Lelios Film widerspricht dieser Logik schon im Titel mit einem einzigen, durchschlagenden Argument: Gloria. Gloria – Ende 50, gepflegt, diszipliniert und seit über zehn Jahren geschieden – ist nicht bereit, die nächtlichen Lebenskrisen des Nachbarn als einzigen Moment der Leidenschaft in ihrem Leben zu akzeptieren, auch wenn das abendliche Abschminken vor dem Spiegel immer mehr zum Strafgericht wird. Als sie den ehemaligen Marineoffizier Rodolfo kennenlernt, zögert sie nur kurz und lässt dann mutig das große Gefühl zu.
Doch in diesem Alter kann eine neue Liebe kein radikaler Neuanfang sein, sondern gleicht eher der Fusion zweier Großkonzerne, die in diesem Falle auch noch aus ganz unterschiedlichen Branchen kommen. Glorias Kinder leben ein selbstbestimmtes Leben, der Sohn ist Musiker und junger Vater, die Tochter unterrichtet Yoga und wird bald ihrem neuen Freund nach Schweden folgen. Rodolfo hingegen versorgt seine Exfrau und die erwachsenen Töchter nicht nur finanziell, sondern steht unter ihrem ständigen telefonischen und emotionalen Zugriff.
Doch Gloria ist keine Frau der halben Sachen, und das ist ihr Film. Die Kamera klebt förmlich an ihr, passt sich ihrem Gang an wie ein liebender Partner. Paulina Garcнa, die für diese Rolle mit dem Silbernen Bären der diesjährigen Berlinale ausgezeichnet wurde, füllt jede Einstellung mit ihrer Präsenz. Durch die zunehmend expliziteren Sexszenen, die weder geschönt noch voyeuristisch wirken, entsteht ein zwingendes Gefühl für das Gewicht der Körper und des Körperlichen. In einem wunderbaren Moment des umfassenden Danach liegt Gloria, erschöpft vom mühseligen Kampf ums Glück, nackt auf ihrem Bett zusammen mit der hässlichen, haarlosen Katze des Nachbarn, deren hartnäckige Zuneigung sie schließlich akzeptiert hat. Und am Ende nimmt sie den Kampf wieder auf, raucht Joints, tanzt und steht auf der Straße wie die gleichnamige Titelheldin bei Cassavetes: a girl with a gun.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Alamode Film

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Gloria“ im Kino in Berlin

Gloria, Chile/Spanien 2012; Regie: Sebastiбn Lelio; Darsteller: Paulina Garcнa (Gloria), Sergio Hernбndez (Rodolfo), Diego Fontecilla (Pedro); 109 Minuten; FSK 12

Kinostart: 8. August

Mehr über Cookies erfahren