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Im Kino: „Goethe!“ von Philipp Stölzl

Goethe!

Die Schlusssequenz von Philipp Stölzls „Goethe!“ zitiert eine der Standardszenen popkultureller Apotheosen: Der junge Johann Goethe, scheinbar an allen Fronten gescheitert, wird vom erzürnten Vater nach Frankfurt zurückgebracht, auf dass aus dem romantischen Wirrkopf unter der Fuchtel der Familie vielleicht doch noch ein brauchbarer Advokat werde. Die Kutsche der beiden bleibt in einem Menschenauflauf vor einem Buchladen stecken, alle wollen diesen einen neuen Roman, hier und da sieht man schon junge Männer in Wertherkluft, Hysterie liegt in der Luft. Dann erkennen sie in dem blassen Jungen den Dichter, skandieren seinen Namen, bis er vom Dach der Kutsche Autogramme gibt, triumphierend und voller Selbstbewusstsein. Deutschland hat den Superdichter gefunden, die Goethemania ist nicht mehr aufzuhalten.
Dieser Appell an ein anachronistisches emotionales Vokabular ist bezeichnend für den radikalen Modernisierungsgestus, mit dem sich der Film die historische Dreiecksgeschichte aneignet. Stölzl und sein Autorenteam vermischen dabei Motive aus Goethes Referendariatszeit am Reichskammergericht in Wetzlar und seine unglückliche Liebe zu Charlotte Buff im Sommer 1772 mit der literarischen Verarbeitung dieser Erlebnisse in dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“.
Goethe!Werther begeisterte, weil er Mensch war, nicht literarischer Ideenträger. Dieser psychologische Realismus ist aber gerade der Grund dafür, dass der Stoff nicht auf das Universelle der Liebe verkürzt werden darf. Jüngere Bearbeitungen von Goethe-Werken wie Uwe Jansons „Werther“ oder Sebastian Schippers Wahlverwandtschaften-Adaption „Mitte Ende August“ (beide 2008) entschieden sich für ein zeitgenössisches Setting, um sich auf den psychologischen Konflikt der Werke zwischen historischer Kleinteiligkeit und simplifizierender Verallgemeinerung konzentrieren zu können.
Stölzl hingegen hat die Welthaltigkeit des Klassikers in einen opulenten Ausstattungsrealismus übersetzt. „Wir haben uns vorgenommen, den Umstand, dass zu Goethes Zeiten das Klo noch nicht erfunden war, zu unserem Leitsatz zu machen,“ erläutert der „Nordwand“-Regisseur seinen Einstieg ins nationalkulturelle Zentralmassiv. Und tatsächlich breitet der Film das pittoreske Flair der deutschen Provinz im 18. Jahrhundert als synästhetischen Themenpark vor dem Zuschauer aus, in dem die morastigen Wege und ungewaschenen Kinder genauso lebensecht sind wie die gepuderten Perücken und der hohe Ton.
In diese ästhetische Strategie der Konfrontation von altertümlichem visuellen Gepräge und moderner Gefühlswelt passt die Besetzung Alexander Fehlings als Goethe perfekt: charmant und wortgewandt, aber doch etwas blass gewinnt er dem historischen Gewicht der Figur Freiräume ab, die Identifikation ermöglichen. Und genau darum geht es Stölzl: Er will das literarisch und historisch Ferne möglichst reibungsfrei in den zeitgenössischen Erfahrungshorizont einpassen und so einem neuen, auch jugendlichen Publikum zugänglich machen. Ein respektables Anliegen, und auch wenn dem routinierten Werbefilmer über die Zielgruppenfixierung der literarische Markenkern etwas verloren gegangen ist, ist dem Film eine Karriere in deutschen Klassenzimmern gewiss.

Text: Stella Donata Haag

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Goethe!“ im Kino in Berlin

Goethe!, Deutschland 2010; Regie: Philipp Stölzl; Darsteller: Alexander Fehling (Johann Wolfgang Goethe), Miriam Stein (Lotte Buff), Moritz Bleibtreu (Albert Kestner); 99 Minuten

Kinostart: 14. Oktober

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