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Im Kino: „Grigris\ Glück“

Grigris' Glück

Eine ziemlich leicht bekleidete Schönheit steht eines Tages vor der Schneiderei von „Maitre Ayoub“ und möchte fotografiert werden. Für die Verhältnisse von N’Djamena, der Hauptstadt von Tschad, ist diese Mimi tendenziell skandalös, schließlich tragen viele Frauen hier einen Schleier. Als sie dann aber vor der Kamera steht und der junge Gehilfe Grigris den alten, analogen Apparat auf sie einstellt, geht Mimi noch einen Schritt weiter: Sie zeigt sich im Bikini.
„Die wollen das so“, sagt sie und meint die Menschen, von denen sie als Model entdeckt werden möchte. Grigris macht die Bilder, zum Abschied schenkt er ihr ein Tuch. Er kann davon ausgehen, dass sie einander wiedersehen werden, denn so viele soziale Orte gibt es in N’Djamena nicht, und dort, wo man sich trifft, ist Grigris bestens bekannt.
Er tritt nachts in der Discothek als Tänzer auf, als erotischer Akrobat, dessen Show umso erstaunlicher ist, als sein linkes Bein stark verkrüppelt ist. Wenn er tanzt, scheint seine Behinderung zu einem Vorteil zu werden, so verführerisch und elastisch sind seine Bewegungen. Er hat die Tanzfläche für sich allein, danach lassen seine Freunde immer einen Hut herumgehen, denn Grigris braucht Geld. Sein Stiefvater, der Meister Ayoub, ist schwer krank, seine Behandlung kostet.
Von Tschad wüsste das internationale Kino vermutlich nicht viel, wäre da nicht Mahamat-Saleh Haroun, geboren 1961 in Abйchй. Er lebt zwar seit langer Zeit in Frankreich, die Verbindungen zu seiner Heimat sind aber intensiv, und alle paar Jahre kommt ein neuer Film, zuletzt „Daratt“ (2006) und „Un homme qui crie“ (2010) – in beiden Fällen geht es um die Nachwirkungen des langen Bürgerkriegs in Tschad.
In „Grigris’ Glück“ sind nun Zeichen einer neuen Zeit erkennbar. Grigris hat einen Bekannten, den er um Arbeit bittet. Dieser Moussa lebt de facto vom Benzinschmuggel, seine Frau ist Chinesin, man gibt sich neureich und lässt Grigris bei einer abendlichen Einladung mit Stäbchen essen. Es ist nur ein Detail für die Veränderungen, von denen das Leben in D’Djamena geprägt ist, doch es sind diese Kleinigkeiten, auf die es sich zu achten lohnt. Denn Mahamat-Saleh Haroun versteht sich exzellent auf dieses typische Festivalkino, das auf zurückhaltende Beobachtung setzt und ein geduldiges, konzentriertes Publikum verlangt.
Dieses wird dann aber reich belohnt, nicht zuletzt durch zwei höchst charismatische Hauptdarsteller, die an der vielfachen Außenseiterposition ihrer Figuren so richtig zu wachsen scheinen. Grigris wagt einen riskanten Coup, und für die „Nutte“ Mimi wird die Position auch zunehmend unhaltbar.
So stellt sich schließlich die Frage, ob es einen Ausweg gibt für dieses tolle, verletzliche Paar. So viel kann immerhin verraten werden: Asyl in Europa steht nicht zur Debatte.

Text: Bert Rebhandl

Foto: temperclayfilm

Orte und Zeiten: „Grigris‘ Glück“ im Kino in Berlin

Grigris‘ Glück (Grigris), Frankreich/Tschad 2013; Regie: Mahamat-Saleh Haroun; Darsteller: Souleymane Dйmй (Grigris), Anaпs Monory (Mimi), Cyril Gueп (Moussa); 95 Minuten

Kinostart: Do, 09. April 2015

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