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Im Kino: „Hannah Arendt“ von Margarethe von Trotta

Hannah Arendt

Diese Frau ist immer noch und vielleicht mehr denn je ein Star. Sie hat ein Leben geführt, das gleich mehrere Biopics füllen würde: ein illustrer Freundeskreis, prominente Liebhaber, dramatische Trennungen, Schicksalsschläge von historischem Ausmaß, der ganz große Erfolg und der ganz große Skandal. Diese Frau heißt Hannah Arendt und gilt als bedeutendste politische Denkerin der Geistesgeschichte. Die philosophische Performance ist allerdings kein genuin filmisches Sujet. Regisseurin Margarethe von Trotta, die schon anderen historischen Frauengestalten wie Hildegard von Bingen und Rosa Luxemburg Filme widmete, versucht daher, das Denken narrativ darzustellen, indem sie von einer konkreten, intellektuellen wie persönlichen Krisensituation ausgeht.
So beginnt der Film noch vor dem Titel auf einer dunklen argentinischen Landstraße, auf der ein unauffälliger älterer Mann brutal in ein Auto gezerrt wird. Der Mann ist Adolf Eichmann, der Verwalter der „Endlösung“, den der Mossad nach Israel entführt und über dessen Prozess 1961 vor dem Jerusalemer Bezirksgericht Hannah Arendt für den „New Yorker“ berichtete. Der Film macht deutlich, dass ihre berühmte Analyse der „Banalität des Bösen“ einherging mit der schmerzhaften Begegnung mit der eigenen Identität als Denkerin, als Deutsche und als Jüdin.
1906 in Hannover geboren, wuchs Hannah Arendt in Königsberg und Berlin auf und ging 1924 zum Studium nach Marburg. Dort traf sie den schon zuvor bewunderten Phänomenologen Martin Heideg­ger, wurde seine Studentin und Geliebte. 1933 wurde sie bei einem Auftrag für den zionistischen Untergrund von der Gestapo festgenommen, konnte aber nach Frankreich fliehen. Dort heiratete sie 1940 den Kommunisten Heinrich Blücher, mit dem sie nach dem deutschen Einmarsch in die USA floh. In New York baute sich das Paar langsam und mühselig eine neue Existenz auf. Zum Zeitpunkt der Filmhandlung Anfang der 60er befindet sich Arendt in einer gesellschaftlich arrivierten Phase; seit der Veröffentlichung ihres Klassikers „Die Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ 1951 ist sie zu einer renommierten Hochschullehrerin aufgestiegen.
Von Trottas langjährige Stammschauspielerin Barbara Sukowa spielt die Mittfünfzigerin mit spöttischem Charme und reichlich Zigarettenrauch.
Hannah ArendtDer Zuschauer darf sich ausgiebig umsehen in dem mit Sorgfalt für ausstatterische Details gezeichneten Leben der Stardenkerin, ihre streitbaren Freundschaften beobachten und ihre auch nach dreißig Jahren noch leidenschaftliche Liebe zu dem ihr vermutlich nicht ganz treuen Blücher. Gerade dieses geschlossene Mittelklasse-Idyll bietet einen geeigneten Hintergrund, um die Radikalität des Arendtschen Denkens spürbar zu machen.
So ganz traut der Film dieser Beschränkung auf das spezifische Soziotop der deutsch-jüdisch-amerikanischen Ostküstenintelligenz leider nicht und versucht in wenigen, kurzen Rückblenden, Arendts Liebesbeziehung zu Heidegger zu skizzieren. Die junge Hannah betört als dunkle Schönheit und leidenschaftlich Suchende den fast 20 Jahre älteren Seinsphilosophen, doch weder die Nähe in der Liebe noch die im Denken lassen sich in dieser Kürze vermitteln. Als ontologischer Oberförster im Trachtenjanker irritiert Heideggers Auftreten den Erzählfluss, ohne dass im Gegenzug deutlich würde, wie schockierend seine Verstrickungen in den Nazismus für Arendt gewesen sein muss.
Doch im Zentrum des Films stehen der Eichmann-Prozess und die folgende Kontroverse. Durch die erschütternde Mittelmäßigkeit des Technokraten wird Arendt klar, dass sich das Böse nicht als das völlig Andere denken lässt. Eichmann wurde zum millionenfachen Täter nicht aus einem Mangel an Charakter oder Moral, sondern aus einem Mangel an Einbildungskraft: Er hatte schlicht das Denken verweigert. Was Arendt nach Veröffentlichung des Eichmann-Buchs von Weggefährten, Kollegen und dem allgemeinen Publikum als Arroganz vorgeworfen wurde, ist eigentlich eine Grausamkeit gegen sich selbst, ohne die eine Unabhängigkeit des Denkens nicht zu haben ist. Beeindruckend ist, wie es diesem konventionell gemachten Spielfilm gelingt, auch ein philosophisch nicht geschultes Publikum über knapp zwei Stunden bei einem Stoff zu halten, der auf hohem Niveau das Wesen der Verantwortung diskutiert.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Heimatfilm

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Hannah Arendt“ im Kino in Berlin

Hannah Arendt, Deutschland/Luxemburg/Frankreich/Israel 2012; Regie: Margarethe von Trotta; Darsteller: Barbara Sukowa (Hannah Arendt), Axel Milberg (Heinrich Blücher), Janet McTeer (Mary McCarty); 113 Minuten; FSK 6

Kinostart: 10. Januar

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