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Im Kino: „Heino Jäger – Look Before You Kuck“

Heino Jäger - Look Before You Kuck

Die Ausnahmefigur Heino Jäger ist schwer zu fassen. Das war bereits Anfang der 1970er-Jahre so, als Jäger mit doppelbödigen Kleinbürger-Parodien in der Radioshow „Fragen Sie Dr. Jäger“ zeitweise Berühmtheit als Satiriker erlangte. Nur eine kleine Gruppe von Bewunderern, unter ihnen Hanns Dieter Hüsch, begleitete und unterstützte ihn damals; später folgten Künstler wie Rocko Schamoni, dessen Telefonscherze bei „Studio Braun“ deutlich von Jägers entgleitenden Spießigkeitsdarstellungen beeinflusst sind. Die ambivalente, bisweilen grauenvolle Ironie Jägers, die auch seine naiv scheinenden Gemälde von Kriegs- und Ruinenszenerien ausmacht, entzieht sich einfachen Etikettierungen. 1997 starb der Maler und Kabarettist nach einer langen Phase schizoider Dämmerung in einer psychiatrischen Einrichtung.
Gerd Kroskes Dokumentarfilm über Jäger ist nach Porträts des „Boxprinzen“ Norbert Grupe (2000) und des kunstaffinen Bordelliers Wolli Köhler („Wollis Paradies“, 2007) der dritte in seiner „Hamburger Trilogie“. Wie schon in den beiden vorangegangenen Filmen folgt er darin einer zerrissenen, kaputten Biographie und gibt gleichzeitig Einblicke in eine schwer fassbare, deutlich von Kriegstraumen geformte westdeutsche Subkultur. Kroskes Dokumentaristenkunst zeigt sich dabei in der sanft gleitenden Dramaturgie, bei der weder Themen mundgerecht abgehakt noch Expertenmeinungen nachgejagt werden. Im Mittelpunkt stehen Gespräche mit Freunden und Wegbegleitern Jägers. Deren Sammlungen von historischen Ton- und Bilddokumenten, von Gemälden und Erinnerungsfotos setzt der Film mit einem erstaunlichen, zugleich unaufdringlichen Erfindungsreichtum in Szene. Ein heimliches Zentrum des Films ist der wuchtige Hamburger Hochbunker, der als unzerstörbarer dunkler Monolith der Nazi-Zeit immer wieder emblematisch in den Film hineinragt. In der souveränen Montage entsteht eine berückende Präsenz des biografischen, aber auch des künstlerischen Materials, dessen düstere Subtexte von historischen Bomberwarnmeldungen und Rundfunkansagen der Reichs-Rundfunkgesellschaft aus den Kriegsjahren herausgestellt werden.

Text: Michael Baute

Foto: Salzgeber

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Heino Jäger – Look Before You Kuck“ im Kino in Berlin

Heino Jäger – Look Before You Kuck, Deutschland 2012; Regie: Gerd Kroske; 120 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 1. November

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