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Im Kino: „Hell“

Hell

Möglich ist das alles nur durch die damals verblüffende Entscheidung Thomas Wöbkes, seine Partnerschaft mit Jakob Claussen aufzulösen und sich selbstständig auf ein einziges Projekt zu konzentrieren. Mit Claussen bescherte Wöbke dem deutschen Kino rare Highlights wie „Nach fünf im Urlaub“, „23 – Nichts ist so wie es scheint“, „Anatomie“ und „Jenseits der Stille“. Ein Idealist mithin, der ein Auge hat für junge Talente mit ungestümen Leinwandträumen. Gemeinsam mit Oliver Kajhl und Fehlbaum entwickelte er das Script, hielt dem Regisseur mit fast väterlicher Weitsicht den Rücken frei und holte Roland Emmerich als ausführenden Produzenten. Was wiederum zur Sicherung eines Vertriebsdeals mit Paramount Deutschland führte.
Riecht das nach Hollywood made in Germany – was dann grundsätzlich peinlich enden muss? Weit gefehlt. Obwohl Fehlbaum geprägt ist von den Werken Ridley Scotts oder Christopher Nolans und man in „Hell“ Spurenelemente findet von Danny Boyles „28 Days Later“ über Mel Gibsons „Apocalypto“ bis hin zum „Inception“-Score, verbietet ihm sein Talent schnödes Kopieren.
Fehlbaum ist bei der Wahl seiner Mittel absolut instinktsicher. Die visuelle Wucht des „Hell“-Materials erkennt ein Blinder mit Krückstock. Doch erst im Detail wird sichtbar, wie souverän er Szenen komponiert, Bedrohung durch geschickte Perspektivwechsel evoziert und schleichend den Schraubstock fester dreht. Oder die Bolzenschusspistole auspackt, bis seine Figuren gar nicht anders können, als zu explodieren. Oder erschütternd zu sterben. Einzig die Besetzung Angela Winklers bricht den Erzählfluss. Irgendwann steht die große Theaterschauspielerin plötzlich in einer gottverlassenen Kirche und bietet der geschundenen Heldin ihre Hilfe an. Doch Winklers Spiel ist nicht naturalistisch wie das ihrer Kollegen, sondern bringt das Artifizielle und Schrille des deutschen Bühnenbetriebs ein. Anders formuliert: Während man bei keiner „Hell“-Figur weiß, was an Verrat oder Moral hinter bösen Blicken lauert, sieht man Winklers matriarchalischer Bäuerin vom ersten starren Blick ihren irreparablen Sonnenstich an.
Ein bisschen zu meckern haben nach der „Hell“-Premiere trotz allgemeiner Begeisterung auch ein paar Patienten, denen das Ganze nicht blutrünstig genug geraten ist. Gut so. Komparsen schlachten kann im Genrekino schließlich jeder Depp. Fehlbaum aber versteht sich auf den Aufbau psychologischen Drucks, auf die Aktivierung von Urängsten und die Reibung von Zeitgeist (Öko-Katastrophe) mit sehr deutschen Traditionen (Gebrüder-Grimm-Gruselwald). Und als die Sonne untergegangen ist und das Team stolz auf seinen Erfolg anstößt, steht unsichtbar nur eine Sorge im Raum: Hoffentlich schnappen uns die Amis diesen Mann nicht gleich wieder weg.

Text: Roland Huschke

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Hell“ im Kino in Berlin

Hell, Deutschland/Schweiz 2011; Regie: Tim Fehlbaum; Darsteller: Hannah Herzsprung (Marie), Lars Eidinger (Phillip), Stipe Erceg (Tom); 89 Minuten; FSK 16

Kinostart: 22. September

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