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Im Kino: „Hell“

Hell

„Blade Runner“, immer wieder „Blade Runner“. Für einen Moment brandet die ewige Diskussion erneut auf. Welche Version von Ridley Scotts Überfilm ist nun besser? Die ursprüngliche mit Voice-Over oder der Director’s Cut, ganz ohne Harrison Fords monoton vorgetragene Texte? Zu einer Einigung werden Regisseur Tim Fehlbaum (28) und Produzent Thomas Wöbke (49) nicht mehr gelangen, als sie im August der Berliner Premiere ihres Filmes „Hell“ beim Fantasy Filmfest harren. Doch die Fachsimpelei der zwei hoffnungslos ins Kino verschossenen Projektpartner symbolisiert wunderbar die Bindung zwischen Debütant und altem Hasen – und mag beiden gegen akut flatternde Nerven helfen.
Denn ganz sicher hat Fehlbaum zur Kenntnis genommen, dass sein Debüt, für das er beim Filmfest München prompt den Regiepreis gewann, vielen Leuten erst mal gehörig die Sprache verschlagen hat. Doch jetzt erwartet den schlaksigen Schweizer ein Saal voll argusäugiger Fantasy-Fans. Lange ist es nicht her, dass Fehlbaum selbst zum harten Kern dieses Publikums zählte. Spezialisten, die genug Horror- und Thrillerstoffe kennen, um Wiederkäuer müde lächelnd von Visionären trennen zu können. Deutsches Genrekino ist hier aus gutem Grund nicht gerade populär – man misstraut zutiefst einer Branche, die abhängig ist von Fernsehredakteuren, die vor allem kreuzbiedere „Tatort“-Routinen im Sinn haben.
„Hell“ hingegen ist – formal – ein Endzeitfilm, der im Jahr 2016 spielt, nachdem Sonnenstürme unser irdisches Leben weitgehend ausgelöscht haben und die UV-Strahlung nach wenigen Stunden im Freien tödlich ist. Ein Häuflein Überlebender der Apokalypse durchquert ein Land, das auf den ersten Blick so tot und gefährlich scheint wie die No-Future-Welten von „Mad Max“ und „The Book of Eli“. Süddeutschland, um genau zu sein. Wo Autobahnen nicht mehr von freien Bürgern befahren werden, weil sie längst verbrannt, verhungert, verdurstet am Wegesrand verrotten.
Hell„Wir wissen“, sagt der Regisseur bei der Präsentation in Berlin, „dass wir uns auf Neuland wagen und viel Skepsis begegnen“. Was er nicht sagt und wahrscheinlich nicht mal heimlich denkt, weil er dafür zu höflich ist und kein erkennbares Ego besitzt: Es wurde auch höchste Zeit, dass einmal jemand die verknöcherten Strukturen aufbricht. Vier Jahre haben Wöbke und Fehlbaum investiert, um nun listig lächelnd „viel Spaß“ bei anderthalb Stunden „Hell“ wünschen zu können. „In Cinemascope“, murmelt tief versunken in seinem Sitz mit Stipe Erceg noch einer der Hauptdarsteller. Dann wird es dunkel im CinemaxX. Und gleißend hell auf der Leinwand.
Cinemascope? Vielleicht muss man Deutschland einmal kurz hinter sich lassen, um ganz große Bilder mit internationalem Anspruch zu finden. Jedenfalls treffen wir das Team erstmals im Frühsommer 2010 beim Außendreh auf Korsika – was für eine 3-Millionen-Euro-Produktion einen beträchtlichen Luxus darstellt. In den hügeligen Höhen eines Nationalparks, der im Vorjahr einem infernalischen Waldbrand zum Opfer fiel, hat die Crew Quartier bezogen. Und ein Blick ins Tal genügt, um zu wissen, was Fehlbaum meint, wenn er von „unbezahlbaren Totalen“ spricht, die kein Set-Dekorateur basteln könne. Tausende verkohlter Baumstämme bieten ein bizarres und bei aller Verwüstung extrem fotogenes Motiv.
Dass der Regisseur noch vor Kurzem in München die Filmschule besuchte und nie etwas Aufwendigeres als (preisgekrönte) Kurzfilme inszeniert hat, darauf käme am Set kein Mensch. Mit fiebriger Intensität präpariert er seine Szenen, unterstützt von einer jungen Crew, rekrutiert zumeist aus dem Kreis ehemaliger Kommilitonen. Um so erstaunlicher ist die Professionalität und Beherrschung des Materials, die auch seinen erfahrenen Darstellern die Kinnladen herunterklappen lässt. Hannah Herzsprung, Lars Eidinger, Stipe Erceg – ihnen allen sei noch nie ein solch radikal originärer Stoff auf den Tisch geflattert, so der Konsens. Man spürt den Willen der verschworenen Gemeinschaft, sich dafür die Seele aus dem Leib zu spielen. Herzsprung und Eidinger verkörpern ein notdürftig zusammengeschweißtes Paar, das mit Herzsprungs kleiner Filmschwester in die Berge unterwegs ist, mit der vagen Hoffnung auf Regenwolken in der Höhenlage. Unterwegs stoßen sie auf einen charismatischen Fremden (Erceg), mit dem sie die Reise fortsetzen, bevor ein umgestürzter Telegrafenmast den Weg versperrt. Böse Falle!
HellDoch anstatt nun ins Detail des Filmplots zu gehen, der gar nicht versucht, das Genre neu zu erfinden, sondern es eindrücklich interpretiert, muss man sich zunächst mal diesen fabelhaften Filmgesichtern widmen: Erceg etwa, der, pardon, eine der geilsten Fressen im deutschsprachigen Raum hat und seit „Die fetten Jahre sind vorbei“ so sträflich unterbesetzt wird, dass ihm zu Recht die kalte Wut aufsteigt. Oder Herzsprung, deren blaue Scheinwerferaugen im schmutzverschmierten Gesicht eine solch hypnotische Kraft besitzen, dass man das Ende der Welt für diesen Anblick billigend in Kauf nimmt. Streng genommen könnte „Hell“ auch als Stummfilm funktionieren, so präzise transportieren Bilder und Blicke die Informationen der Story. Man erfährt nicht viel über diese ausgezehrten Figuren, und Fehlbaum war gut beraten, die Dialoge in der Postproduktion noch zu reduzieren. Der narrative Rahmen mag ein Weltuntergangsszenario sein, das schleichend einem Horror-Kammerspiel weicht. Doch es ist die moralische Ambiguität der Figuren, die stete Unsicherheit des Zuschauers ob ihrer Intentionen, die „Hell“ neben konstantem Suspense eine schwermütige Seele verleiht.

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