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Im Kino: „Howl – Das Geheul“

Howl - Das Geheul

September 1976, Allen Ginsberg im Münchner Arri-Kino. Er sitzt auf der Bühne, entlockt seinem Harmonium erste Töne, beginnt eine fünfzehnminütige Meditation auf der Silbe „Ah“, bis sich alle Nervosität im Saal gelegt hat. Dann intoniert er sein Poem „Howl“ mit mächtiger Propheten-Stimme, und gleich bei den ersten Versen steht der Raum in Flammen: „I saw the best minds of my generation destroyed by madness…“ Verglichen mit der ungeheuren Wucht, die das Gedicht in solchem Vortrag entfalten konnte, bietet Robert Epsteins und Jeffrey Friedmans filmische Hommage an „Howl“ nur einen brav bemühten, schattenhaften Abklatsch.
„Howl“: das Gedicht, mit dem Allen Ginsberg (1926-1997) seine Stimme fand: apokalyptische Vision und Anrufung kosmischer Heiligkeit, Urschrei der Beat-Generation, den Weg bereitend für die Protestgeneration der 1960er-Jahre. 1955 zum ersten Mal in einer Kneipe in San Francisco vorgetragen. Epstein/Friedman versuchen eine dreifache Annäherung. Zuerst die Rekonstruktion des ersten Vortrags, bei der James Franco als junger Ginsberg immerhin den Propheten-Sound ganz gut trifft. Dann, basierend auf einem Ton-Dokument des Jahres 1957, Passagen aus einem Interview, bei dem Ginsberg seine existenziellen Motive und Poesie-Maximen erläutert.
Großen Raum nimmt die Gerichtsverhandlung zu „Howl“ ein, bei der 1957 über den Vorwurf der Obszönität und die Frage des künstlerischen Rangs gestritten wird. Da wandelt sich der Film zum konventionellen Gerichtsdrama, das in den Tiraden der poesiesachverständigen Professoren und Kritiker zumindest einige erhellende Aussichten auf deren Banausentum bietet. Völlig misslungen ist der Versuch, Passagen des Gedichts animatorisch auszudeuten. Computergenerierter Bilderkitsch, der die poetischen Visionen gründlich zerschreddert. Während der Film den juristischen Sieg feiert, verliert er völlig aus den Augen, dass „Howl“ im Kern eine elementare Kampfansage ist: Bannfluch gegen eine machtversessene, waffenstarrende, todessehnsüchtige Gesellschaft.

Text: Rainer Gansera

Foto: Jojo Whilden

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Howl – Das Geheul“ im Kino in Berlin

Howl – Das Geheul (Howl), USA 2010; Regie: Rob Epstein & Jeffrey Friedman; Darsteller: James Franco (Allen Ginsberg), Todd Rotondi (Jack Kerouac), Jon Prescott (Neal Cassady); 90 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 6. Januar 

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