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Im Kino: „I Killed My Mother“

I Killed My Mother

Xavier Dolan ist sichtlich neugierig auf sich selbst. Mit andauernder Neugierde filmt er sich, wie er als sein eigener Hauptdarsteller der Kamera die Hassliebe zu seiner Mutter anvertraut, voller Freude am Anblick seines Gesichts und seines Körpers. Er handelt sich damit aber auch ein Problem ein. Nicht, weil er nicht ansehnlich anzusehen wäre, sondern weil er sich und seiner Geschichte damit eingangs einen engen Rahmen setzt, aus dem der Film erst befreien muss. Der Narzissmus eines Regisseurs fungiert ja meist als eine Ausladung an den Zuschauer.
Der Titel kündigt Zerfleischungs­kino ohne Aussicht auf einen glücklichen Ausweg an. Huberts Beziehung zu seiner alleinerziehenden Mutter (Anne Dorval) ist von erstickender Klaustrophobie. Ihre Streitereien wollen kein Ende nehmen, ihre Vorwürfe finden täglich neuen Anlass. In ihrer Angriffslust bleiben sie einander nichts schuldig.
Hubert ist kein Rebell ohne Grund, auch wenn man der Mutter wenig konkrete Schuld an seiner verzweifelten Wut unterstellen mag. Er findet es erniedrigend, Sohn sein zu müssen. Er sucht Zugehörigkeit ohne Blutsbande, bei seinem Schulkameraden Antonin, den er liebt, und bei seiner Lehrerin, die ihn versteht. „Wann ist dein Fegefeuer endlich vorüber?“, fragt die Mutter genervt. Sie kommen nicht voneinander los. Das ist für einen Sechzehnjährigen womöglich schon Grund genug, zu hassen.
Das Regiedebüt des blutjungen Regisseurs ist der Auftakt einer geplanten Trilogie über unmög­liche Liebe. Es beruht auf einer ­Novelle, die Dolan mit siebzehn Jahren schrieb, furchtlos die Aura des Autobiographischen verströmend. In Cannes wurde er vor zwei Jahren­ als Wunderkind gefeiert. Das Kino ist für ihn eine magische Schachtel, die er mit stilistischem Eigensinn öffnet. Er inszeniert das familiäre „jeu de massacre“ mit hingebungsvollem Elan und staunenswertem Gespür für Komposition und Rhythmus. Auch von seinem Narzissmus verabschiedet er sich, wechselt einfühlsam die Perspektive, setzt die Mutter und die anderen Figuren in ihr Recht. Das Knäuel der Gefühle, das sich mit Worten nicht lockern lässt, löst er scheinbar mühelos in Bilder auf.

Text: Gerhard Midding

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „I Killed My Mother“ im Kino in Berlin

I Killed My Mother (J’ai Tuй ma Mиre), Kanada 2009; Regie: Xavier Dolan; Darsteller: Anne Dorval  (Chantal Lemming), Xavier Dolan  (Hubert Minel), Suzanne Clement  (Julie Cloutier); 100 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 3. Februar

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