Kino & Stream

Im Kino: „I Shot My Love“

I Shot My Love

Dokumentarfilmer wissen in der Regel genau, welches Thema sie sich vornehmen. Der Ansatz von Tomer Heymann ist da offener. Er dokumentiert sein Leben offenbar fortwährend, filmt seine Familie beim Pessach-Feiern oder Fernsehschauen, interviewt sie zu sehr persönlichen Fragen, legt ein Archiv seines Lebens an. Aufgewachsen ist er als einer von fünf Söhnen einer israelischen Familie in einem einst von deutschen Juden gegründeten Dorf. Während die Brüder der traditionellen Rolle als
Familienväter
folgen, ist Heymanns Position – als einziger schwuler Sohn – schwieriger zu bestimmen. In „I Shot my Love“ verbindet er die eigene Identitätsfindung mit der seiner Familie, die nach der Scheidung der Eltern und dem Abwandern der drei älteren Söhne in die USA ausei­nanderfiel. Ins Zentrum des Films rückt einerseits die trauernde Mutter Noa, die sich nach den Zeiten der Großfamilie zurücksehnt. Gleichzeitig erzählt Heymann von seiner frischen Liebe zu einem deutschen Tänzer aus Berlin. Schon am Morgen danach im Berliner Hotelzimmer zückt er die Kamera – ohne freilich in dem Moment wissen zu können, was aus der Geschichte wird.
Mit seinem Ansatz, ungefiltert die eigene Lebensrealität festzuhalten, überschreitet der Regisseur mitunter Grenzen zur Indiskretion; andererseits kommt er so zu bemerkenswert wahrhaftigen Momenten: zu Beginn etwa das Flackern der gegenseitigen Attraktion oder die Unsicherheit, ob man sich nach dem Flirt aus den Augen verliert. Mit der reifenden Beziehung wird der Erzählradius weiter, umfasst die Eltern beider Partner in Israel und Süddeutschland, den „culture clash“ zwischen katholischem Kleinbürgertum und dem politisierten Alltag in Israel. Dabei berührt der Film beiläufig universelle Fragen nach den Bedingungen der Liebe, nach Kräfteverhältnissen in Beziehungen, nach Heimat sowie kollektiven und individuellen Traumata. In Israel liefen Heymanns Familiendokus im Fernsehen; Beleg dafür, dass ihm mit seinem schonungslos persönlichen Stil nebenbei ein genaues und aktuelles gesellschaftliches Porträt seines Landes gelingt.

Text: Ulrike Rechel

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „I Shot My Love“ im Kino in Berlin

I Shot My Love, Deutschland/Israel 2010; Regie: Tomer Heymann; 70 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 17. März

Mehr über Cookies erfahren