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Im Kino: „Ich, Tomek“

tomekMit schwarzen Knopfaugen, runder Stirn und zartem Körperbau wirkt Filip Garbasz prädestiniert für die Rolle des kleinen Abenteurers in einer Kinderkomödie: als Junge, der mit Schläue die Welt erobert. Ähnlich beginnt „Ich, Tomek“ auch. Man begegnet ihm beim Fußballspielen, in Diskussion mit dem Dorfpfarrer, mit Eifer beim Einrichten des Schulobservatoriums. Regisseur Robert Glinski („Unkenrufe“) lässt sich klugerweise Zeit, um seine Hauptfigur genau zu zeichnen: einen normalen, wenn auch überwachen 15-Jährigen, der mit seiner Familie in einem ärmlichen polnischen Grenzort aufwächst. Der Reichtum des Westens ist dort nicht angekommen, zumindest nicht beim Gros der Leute. Doch in unmittelbarer Reichweite locken die Reize der Konsumwelt – der die polnischen Teens erlegen sind: Markenklamotten, Handys, Motorräder.

Tomek interessiert sich anfangs für anderes, Kindliches, wenn man so will. Doch als sein großer Traum schnöde platzt – die Anschaffung eines Profiteleskops fürs Observatorium – verändert sich sein Weg. Er findet in der Disco seine erste Liebe; ein süßes Mädel, das sich von ihrem Lover strahlend weiße Zähne und goldglitzernde Adidas-Treter wünscht. Dafür klotzt Tomek ran, pumpt schließlich einen Schulfreund aus verwahrlosten Verhältnissen an. Dass der sich prostituiert, hat Tomek in einer schockartigen Situation begriffen. Den Moment markiert der Film kühl-realistisch. Danach kann nichts mehr sein wie zuvor, das wird beklemmend klar. Der Schritt, sich selbst an einen Freier aus Deutschland zu verkaufen, ist plötzlich nicht mehr weit.

Die Umgebung des Schülers – von ausgebrannten Eltern bis zum sorgenvoll im Abseits laborierenden Lehrer – vermag es nicht, in die Abwärtsspirale einzugreifen. Auf seinem düsteren Pfad erspart der streng konsequente Film einem zwar die drastischsten Bilder. Doch die Andeutungen zum Thema Kinderprostitution sind übel genug – auch aufgrund des einnehmenden Spiels von Debütant Garbasz. Die Ratlosigkeit, die Glinskis mutiger Film hinterlässt, ist quälend. Doch zweifellos couragierter, als mit Auflösungen zur Stelle zu sein.

Text: Ulrike Rechel

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: Ich, Tomek“ im Kino in Berlin


Ich, Tomek
Polen/Deutschland 2009; Regie: Robert Glinski; Darsteller: Filip Garbasz (Tomek), Anna Kulej (Marta), Daniel Furmaniak (Ciemny); 94 Minuten

Kinostart: 10. Juni

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