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Im Kino: „Ihr werdet euch noch wundern“

Ihr werdet euch noch wundern

Die Filme, die Alain Resnais in den letzten 25 Jahren drehte, gestalteten sich für einen Regisseur, der einst seine internationale Karriere mit experimentellen Avantgarde-Klassikern wie „Hiroshima, mon amour“ (1959) und „Letztes Jahr in Marienbad“ (1961) begann, erstaunlich publikumsfreundlich. Nicht zuletzt, weil Resnais seine formalen Experimente immer wieder mit seiner Neigung zur Populärkultur verknüpfte: von den Comics in „I Want to Go Home“ (1989) über die Zwei-Personen-Boulevardkomödie in „Smoking/No Smoking“ (1993, nach Alan Ayckbourn) bis zu den Chansons in „Das Leben ist ein Chanson“ (1997) und „Pas sur la ­bouche“ (2003). „Herzen“ (2007) und „Vorsicht Sehnsucht“ (2010) schließlich führten jene absurd-schwarzhumorigen Verwirrspiele zwischen Melodrama und Komödie fort, die man seit Langem von dem französischen Regisseur kennt.
Sein jüngstes Werk „Ihr werdet euch noch wundern“ gibt sich nun allerdings deutlich sperriger, greift dabei jedoch wie in einem Kompendium nahezu alle Themen und Formen auf, die Resnais zeitlebens beschäftigten: Es geht um das Erinnern und Vergessen, das Variieren und Neuerfinden, die Vermischung von verschiedenen Zeit-, Wahrnehmungs- und Realitätsebenen, um Theater, Literatur und Film, um Liebe und Tod.
Ihr werdet euch noch wundernDer örtliche Rahmen, den Resnais für sein Spiel setzt, ist eine einfach gestaltete, betont künstliche Quasi-Bühnenkulisse: die Halle im Anwesen des Bühnenautors Antoine d’Anthac (Denys Podalydиs), der – wie es scheint – jüngst den Freitod gewählt hat. Auf seinen letzten Wunsch hin versammeln sich in seinem Heim nun diverse mit ihm befreundete Schauspieler, die allesamt in verschiedenen Inszenierungen von d’Anthacs Bearbeitung des „Eurydike“-Stoffes mitgewirkt haben. Sie sollen sich eine DVD mit der „Eurydike“-Aufführung einer jungen Theaterkompagnie ansehen und sich dazu eine Meinung bilden.
Mit dem Beginn der Vorführung fangen jedoch die Realitätsebenen an, sich zu verschieben: Die Akteure im Zuschauerraum beginnen, in ihren einstigen Rollen zu agieren, sie sprechen und spielen mit den jungen Kollegen auf der Leinwand mit – wobei die Hauptrollen von Orpheus und Eurydike mit Pierre Arditi und Lambert Wilson sowie Sabine Azйma und Anne Consigny auch noch doppelt besetzt sind. Bühnentext und Privates vermischen sich, zeitliche Abläufe geraten durcheinander, die Ausblicke durch die Dekoration auf eine imaginäre Außenwelt ändern sich ständig. Die Halle des Anwesens wandelt sich zum Bahnhofscafй. Split-Screen-Einstellungen betonen denkbare Variationen, die sich in der jeweils nächsten Einstellung schon nicht mehr schlüssig auflösen lassen. Resnais’ Filme erweisen sich als schier unerschöpflich und fantasievoll im Durchspielen aller Möglichkeiten. Das alles ist jedoch nicht allein formale Spielerei – im Mittelpunkt steht noch immer der Eurydike-Text (tatsächlich handelt es sich um Jean Anouilhs berühmte „Eurydice“ aus dem Jahr 1942) und seine Interpretation durch Arditi und Azйma, auf die sich der Film zusehends konzentriert.
Bei den so offensichtlichen Bezügen zu Resnais’ Gesamtwerk ist man schnell versucht, in „Ihr werdet euch noch wundern“ eine Art Vermächtnis des mittlerweile fast 91-Jährigen sehen zu wollen. Doch weit gefehlt: Der nächste Film des ewig jungen und neugierigen Regisseurs wird – wieder einmal nach einem Bühnenstück von Alan Ayckbourn – bereits gedreht. Titel: „Aimer, boire et chanter“ (Lieben, Trinken und Singen). Man darf sich darauf freuen.

Text: Lars Penning

Fotos: A. Borrel / Alamode Film

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Ihr werdet euch noch wundern“ im Kino in Berlin

Ihr werdet euch noch wundern (Vous n’avez encore rien vu), Frankreich/Deutschland 2012; Regie: Alain Resnais; Darsteller: Sabine Azйma (Sabine Azйma / Eurydice 1), Anne Consigny (Anne Consigny / Eurydice 2), Pierre Arditi (Pierre Arditi / Orphйe 1); 115 Minuten; FSK 0

Kinostart: 6. Juni

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