Kino & Stream

Im Kino: „Im Bazar der Geschlechter“

Im Bazar der Geschlechter

Ein Paar schließt im Büro eines Mullahs gegen Gebühr für ein Jahr die Ehe ab – Verlängerung bis neunundneunzig Jahre möglich. Ein Taxifahrer, der das obligatorische Brautgeld für die Heirat mit einer Jungfrau nicht aufbringt, sucht eine Frau auf Zeit, weil er als Single nicht mal eine Wohnung bekommt. Zwei Schwestern, die von drogensüchtigen und gewalttätigen Männern geschieden wurden, wünschen sich Teilzeitpartner, machen sich aber keine Illusionen über die Zeitehe. Für Frauen funktioniert sie nämlich unter den gleichen Tabus, denen hierzulande eine ausgehaltene Geliebte unterliegt. Besser nichts davon erzählen und möglichst viele Vorteile mitnehmen – als Frauen zweiter Klasse müssen die Partnerinnen frustrationsresistent bleiben. „Im Bazar der Geschlechter“ schildert erstaunlich offen, sehr persönlich und bisweilen komisch die Innenansicht der Sexualpolitik im schiitischen Gottesstaat Iran. Nach dem Gesetz der Scharia hat eine Frau bis zur Heirat dem Vater zu gehorchen, danach dem Ehemann. Ist sie jedoch geschieden – was immer öfter vorkommt – oder verwitwet, kann sie eine Ehe auf Zeit eingehen. Für Männer ein Trick, auch gegen die eifersüchtige Ehefrau polygam zu leben, für Jungen die Chance, sexuelle Erfahrung zu sammeln – die Zeitehe ist eine legale Option, anders als eine Affäre oder Prostitution.
Sudabeh Mortezai, die in Deutschland geborene und in Teheran aufgewachsene Regisseurin, geht in ihrem Film der Frage nach, wie dieses trickreiche, über tausend Jahre alte sexualpolitische Regime des schiitischen Islam in den Zerreißproben des modernen Alltags – vornehmlich in den großen Städten Teheran und Isfahan – verhandelt wird. Sie traf Männer und Frauen, die sich ihren eigenen Reim auf Vor- und Nachteile solcher Arrangements machen, die aus Sicht der Mullahs für die Progressivität des Islam stehen. „Im Bazar der Geschlechter“, vor dem Ausbruch der Protestwelle des Frühjahrs 2010 entstanden, ergänzt dokumentarisch die Stimmungsbilder iranischer Spielfilme, die wie „Nader und Simin“ von der nach Veränderung schreienden, tief gespaltenen Situation im Iran erzählen. Auch in seinen stillen melancholischen Momenten gibt der Film vorbehaltlos und berührend Einblick in verfahrene Lebensentwürfe, moralische Widersprüche und patriarchalische Repression, sodass er zwangsläufig im Land seiner Entstehung nicht gezeigt werden darf.

Text: Claudia Lenssen

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Im Bazar der Geschlechter“ im Kino in Berlin

Im Bazar der Geschlechter, Österreich/Deutschland 2009; Regie: Sudabeh Mortezai; 87 Minuten; FSK 12

Kinostart: 4. August

Mehr über Cookies erfahren