Kino & Stream

Im Kino: „Im Namen des …“ mit Andrzej Chyra

Irgendwo in Polen, im fernsten ländlichen Winkel, bei flirrender Sommerhitze. Fliegen schwirren, Kinder spielen ausgelassen. Kleine Tiere werden zerquetscht, „Jude“ und „Schwuchtel“ sind die Schimpfwörter der Wahl. Gleißendhelle Sommerbilder, beiläufige Grausamkeiten – und unterdrücktes Begehren: Damit sind die Tonart und der atmosphärisch dichte Look des Films „Im Namen des …“ von Malgorzata Szumowska etabliert.
Er handelt von Adam (Andrzej Chyra), dem neuen Priester im Dorf, der auch das daselbst angesiedelte Resozialisierungszentrum der Kirche für schwer erziehbare Jugendliche leitet. Adam scheint ein guter Hirte zu sein, er wirkt ruhig und geduldig im Umgang mit den grobpubertären Jungen in seiner Obhut. Dass dieser grundsympathische und sportliche junge Priester ein Geheimnis hat, merken wir spätestens, als die Kamera ihn nachts beim Laufen im Wald filmt. Joggen wäre der falsche Ausdruck: Adam sieht aus, als renne er um sein Leben. Das, wovor er wegzurennen versucht, wird auch schnell klar: Es ist seine Homosexualität. Priester ist er geworden, um diesem „Problem“ durch das Zölibat, also Verzicht, zu entkommen.

Aber genau das gelingt ihm in der Sommerhitze nicht, umgeben von heranwachsenden jungen Männern und ihren sexuellen Selbstentdeckungen. Ein Zögling beichtet ihm homosexuelle Erfahrungen, ein anderer ist aggressiv und selbstsicher in seinem schwulen Begehren. Und dann gibt es noch den schönen und hilflos liebesbedürftigen Bauernsohn Lukasz (Mateusz Kosciukiewicz), der sich ihm instinktiv nähert. Das simple, bäuerliche Sommeridyll zwischen Feldern voller mannshoher Maisstauden scheint von allen Seiten von unzulässigem Begehren umstellt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Gewitter in die überhitzte Atmosphäre einbricht. Eine eigentlich harmlose Umarmung gibt Anlass zu einem Bericht an die Kirchenobrigkeit, die versichert, dem Verdacht nachzugehen. Um dann Adam schlicht zu versetzen – zum wiederholten Male, wie wir an dieser Stelle erfahren.
Das Ausgangsmotiv für den Film sei ein tatsächliches Ereignis gewesen, ein Zeitungsartikel über einen Jungen, der einen Priester umgebracht hat, erzählte die Regisseurin Malgorzata Szumowska bei der Vorstellung des Films auf der letztjährigen Berlinale. Aber sie habe das kontroverse Thema nicht noch weiter skandalisieren, sondern ebenso sehr einen Film über die Sehnsucht nach Liebe machen wollen. Niemand sei einsamer als ein Priester.
Und so zeigt der Film mit großer Feinheit das unterdrückte Begehren Adams, bevor der scheinheilige Umgang der Kirche damit stärker in den Fokus rückt. Einer Kirche, die als Hort denjenigen dient, deren Begehren gesellschaftlich diskriminiert wird, und die ihnen selbst unheimlich ist; einer Kirche, die dieses Begehren dann sowohl sanktioniert als auch wiederum alle daraus erwachsenden Probleme unter den Teppich kehrt. Eine bittere Geschichte, ästhetisch wunderschön erzählt und großartig dargestellt.

Text: Catherine Newmark

Foto: Edition Salzgeber

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Im Namen des …“ im Kino in Berlin

W imie … (Im Namen des …), Polen 2013; Regie: Malgorzata Szumowska; Darsteller: Andrzej Chyra (Priester Adam), Mateusz Kosciukiewicz (Lukasz), Lukasz Simlat (Lehrer Michal); 96 Minuten; FSK k. A.

Kinostart: 15. Mai

Mehr über Cookies erfahren