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Im Kino: „I\m Not a F**cking Princess“

I'm Not A F**king Princess

Die Mutterliebe kann als strukturelle Umkehrung der romantischen Liebe begriffen werden: Ist beim Liebespaar das Ideal die Verschmelzung, sollte es Ziel der Mutterliebe sein, von der ursprünglichen Einheit zum respektvollen Nebeneinander zweier unabhängiger Individuen überzuleiten. Wie katastrophal sich eine Vertauschung der beiden Formen auswirkt, zeigt „I’m Not a F***ing Princess“ eindrucksvoll. Die große Isabelle Huppert spielt darin mit der ihr eigenen verletzlichen Egozentrik Hannah, eine erfolglose Künstlerin in Paris, die ihre zehnjährige Tochter Violetta in der Märchenwelt ihrer rumänischen Großmutter abgestellt hat, um ihrer Karriere oder auch nur ihren Affären nachzugehen. Flatterhaft und dramatisch, ist sie das Idol des Mädchens, das sich über die plötzliche Aufmerksamkeit freut, als die Mutter sie als reizvolles Objekt erotischer Fotografien entdeckt. Die Bilder werden eine internationale Sensation, doch Hannah greift zu immer gewagteren Inszenierungen, um die Konkurrentin in dem von ihr zur Frau stilisierten Kind hinter dem restlos angeeigneten und beherrschten Objekt verschwinden zu lassen. Bis die Tochter irgendwann rebelliert, enttäuscht von der Mutter, deren Hinwendung wieder nur selbstbezogen, vampiristisch war.
Der Debütfilm der Schauspielerin Eva Ionesco ist als Teil dieser Rebellion zu verstehen, basiert er doch auf ihrer eigenen Geschichte. Im Alter von vier Jahren begann ihre Mutter Irina sie professionell zu fotografieren und sorgte mit ihren freizügigen, oft morbiden Bildern für Furore. Als Regisseurin wollte Ionesco „den exzessiven Teil der Mutter-Tochter-Beziehung durch ein Prisma zeigen, das nicht psychologisch-realistisch ist“. Denn letztlich geht es um die Macht der Projektion, wenn sich ein anderer mit dem Bild des Körpers auch des Körpers selbst bemächtigt. In seiner visuellen Opulenz droht „I’m Not a F***ing Princess“ eben jenen voyeuristischen Blick zu reinszenieren, den die Erzählung anprangert – doch genau diese Unsicherheit macht die ergreifende Unmittelbarkeit des an der Oberfläche so artifiziellen Films aus. Der Reiz liegt darin, dass er, psychoanalytisch gesprochen, zwischen reflexiver Durcharbeitung und zwanghafter Wiederholung schwankt, gegen Ende in manische Zirkel verfällt – nicht aus Unvermögen, sondern in Anerkennung der Untrennbarkeit von Macht und Liebe.

Text: Stella Donata Haag

Foto: X-Verleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „I’m Not a F**king Princess im Kino in Berlin

I’m Not a F***ing Princess, Frankreich 2011; Regie: Eva Ionesco; Darsteller: Isabelle Huppert (Hannah Giurgiu), Anamaria Vartolomei (Violetta Giurgiu), Georgetta Leahu (Mamie); 106 Minuten; FSK 12

Kinostart: 27. Oktober

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