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Im Kino: „Im Schatten“ von Thomas Arslan

Im Schatten

Unauffällig, fast vollkommen von seiner Umgebung absorbiert, lauert Trojan in der Abenddämmerung an einer Fassade im Hochpreisbereich der Friedrichstraße. Seine Anspannung ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Er wartet auf das Auftauchen eines ehemaligen Komplizen, der ihm seinen Anteil an einer Beute schuldet. Es ist ein anonymes, funktionales, transitorisches und zunehmend düsterer werdendes Berlin, durch das sich Trojan (Misel Maticevic) in Thomas Arslans „Im Schatten“ als gerade aus der Haft entlassener Einbruch- und Überfallspezialist bewegt. „Im Schatten“ ist eine brilliante Genre-Reduktion, angesiedelt zwischen Noir, Thriller und Gangsterfilm. Es ist die erste Zusammenarbeit des deutsch-türkischen Regisseurs, der der sogenannten „Berliner Schule“ zugesellt wird, und dem Deutsch-Kroaten Maticevic.
Bei unserem Treffen in der Gecco-Bar in Wilmersdorf ist Maticevic anhaltende Begeisterung für die Figur unmittelbar spürbar: „Trojan ist ein absoluter Profi. Eiskalt, fokussiert, jederzeit präsent. Er lässt sich durch nichts und niemanden ablenken. Es gibt nichts Unökonomisches bei ihm. Zudem ist von der ersten Minute an ein unheimlicher Druck auf und um ihn aufgebaut. Der lässt nie nach. Als Schauspieler war es für mich eine große Gelegenheit, das so konzentriert und körperlich zeigen zu dürfen.“
Maticevic liegen physisch zu interpretierende Figuren. Der Schauspieler, der in der Neuköllner Gropiusstadt aufwuchs, ist dem Publikum bisher vor allem aufgrund seiner intensiven Darstellungen in Fernsehfilmen von Dominik Graf bekannt: In „Hotte im Paradies“ war er der unbedarfte Zuhälter, der in schönster Rasanz tief und tiefer in den Abgrund der Berliner Halbwelt rutscht; im halluzinogenen „Das Gelübde“ der immer wahnhafter werdende Clemens Brentano. Zuletzt war Maticevic Anfang des Jahres in Grafs zehnteiliger TV-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ als Russenmafia-Patriarch und sorgender Familienvater Mischa zu sehen, eine Doppelfunktion, an der seine Figur überaus lebendig scheiterte.
Auch in „Im Schatten“ oszilliert Maticevics Spiel zwischen geheimnisvoll verschlossen wirkender Kühle und einer punktgenau kontrollierten Impulsivität, die er von einem Moment auf den anderen wie eine Waffe einsetzen kann. Diese im deutschen Kino selten zu findende körperliche Wucht, die als Potential ständig bedrohlich anwesend bleibt, ist charakteristisch für sein Spiel. „Eine Figur wie Trojan so deutlich über ihre physische Präsenz darstellen zu dürfen und dabei nicht andauernd psychologische Erklärungen über Dialoge abliefern zu müssen, das war für mich natürlich eine willkommene Herausforderung. Man muss dabei nichts erklären. Man sieht es ja.“

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Foto: Reinhold Vorschneider

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