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Im Kino: „The Imitation Game“

The Imitation Game

Die Geschichte der Enigma, jener Chiffriermaschine, die im Zweiten Weltkrieg vom deutschen Militär zur Verschlüsselung des Nachrichtenverkehrs genutzt wurde, besitzt vor allem in Großbritannien eine ungebrochene Faszination. Denn das Brechen des Enigma-Codes durch britische Kryptoanalytiker mithilfe einer vom Mathematiker und Computerpionier Alan Turing ersonnenen komplizierten Rechenmaschine in Kombination mit der Erkenntnis, dass sich in militärischen Meldungen bestimmte Worte ständig wiederholen, gehört tatsächlich zu den wichtigsten Leistungen des britischen Militärs im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland. Viele Historiker sind heute der Meinung, dass der Krieg damit um wenigstens zwei Jahre verkürzt werden konnte.
Während etwa Michael Apteds „Enigma – Das Geheimnis“ (2001) die Anstrengungen der britischen Analytiker in der geheimen militärischen Dienststelle Bletchley Park in einem komplett fiktiven Thriller darstellt, wählt „The Imitation Game“ einen biografischen Ansatz (über dessen Genauigkeit zurzeit allerdings heftig diskutiert wird) und erzählt die Lebensgeschichte des von Benedict Cumberbatch brillant dargestellten Alan Turing. Dessen Mitwirkung am Brechen des Enigma-Codes war noch bis in die 1970er-Jahre geheime Verschlusssache. Eine dramatische Wende in seinem Leben brachten die frühen 1950er-Jahre, als er aufgrund seiner damals als Straftat geltenden Homosexualität verurteilt wurde und sich einer „medizinischen Behandlung“ mit Hormonen unterziehen musste, was vermutlich eine Depression und den anschließenden Suizid im Jahre 1954 nach sich zog.
The Imitation GameDer Film verschränkt auf konventionelle, aber ansprechende Weise verschiedene Perioden aus Turings Leben von der Schulzeit bis zur Nachkriegszeit miteinander und porträtiert ihn als genialischen Wissenschaftler mit stark neurotischen, wenn nicht autistischen Zügen, dessen stark eingeschränkte soziale Fähigkeiten in einer auf Konventionen und Gehorsam ausgelegten Gesellschaft meist auf Unverständnis und Widerstand stoßen – aber auch für gelegentlichen Humor sorgen. Auch in der Darstellung von Turings Freundschaft zu einem weiblichen Mitglied (Keira Knightley) des Bletchley-Park-Teams, für das sich deren Eltern ausschließlich ein Leben als verheiratete Frau vorstellen können, funktioniert „The Imitation Game“ als Zeitporträt einer extrem konservativen Epoche.
In erster Linie aber inszeniert der norwegische Regisseur Morten Tyldum hier einen klugen, unterhaltsamen und trotz des bekannten Ausgangs spannenden Thriller, ein ständiges Spiel der Verstellung, in dem nahezu alle Personen – sei es beruflich oder privat – Dinge verbergen, die anderswo längst bekannt sind und aus strategischen Überlegungen unter den Teppich gekehrt werden. Die traurige Ironie von „The Imitation Game“ liegt in dem bitteren Schicksal Turings, das ihm widerfährt, als er zumindest seine Homosexualität nicht mehr verbirgt.

Text: Lars Penning

Foto oben: Black Bear Pictures / SquareOne Entertainment

Foto unten: © 2014 The Weinstein Company / SquareOne Entertainment 

Orte und Zeiten: „The Imitation Game“ im Kino in Berlin

The Imitation Game, USA/GB 2014; Regie: Morten Tyldum; Darsteller: Benedict -Cumberbatch (Alan Turing), Keira Knightley ?(Joan Clarke), Matthew Goode (Hugh Alexander); ?113 Min.

Kinostart: Do, 22. Januar 2015?

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