Kino & Stream

Im Kino: „Immer Drama um Tamara“

Immer Drama um Tamara

Wenn man den britischen Regisseur Stephen Frears, der sich über die Jahre zwischen englischen Fernsehfilmen und Hollywood-Großproduktionen in bereits beinahe jedem Genre bewegt hat, überhaupt auf etwas festnageln wollte, dann müsste es wohl sein Humor sein. Der ist trocken und sarkastisch, im Drama lauert bei Frears immer auch das Absurde, wie auch umgekehrt im Komischen das Dramatische präsent bleibt.  Dabei geht es ihm nie darum, seine Protagonisten nur einfach lächerlich zu machen – sie bleiben mit all ihren Schwächen immer menschlich und damit in gewissem Sinn sympathisch.
Insofern ist es nicht schwer zu verstehen, was Frears an der Graphic Novel „Tamara Drewe“ gereizt hat, in der die britische Autorin Posy Simmonds mit hintergründigem Witz die Vorgänge in einem „Schriftsteller-Refugium“ beschreibt, das der populäre Krimiautor Nicholas Hardiman gemeinsam mit seiner grässlich übertüchtigen Gattin Beth auf dem Lande betreibt.  Da geht es um die Überheblichkeit und den Ehebruch des Erfolgsautors, die Eifersucht und das Selbstmitleid von (ihrer eigenen Ansicht nach) verhinderten Literaturgrößen, sowie um Naturburschen, Popstars, eine furchtbar gelangweilte Dorfjugend und eine Kuhstampede. Und weil das alles lose von Thomas Hardys Roman „Far From the Madding Crowd“ inspiriert ist, handelt „Tamara Drewe“ insbesondere auch von den Begehrlichkeiten, die die zuvor unscheinbare Titelfigur auslöst, als sie nach einer erfolgreichen Nasenoperation als schöne und erfolgreiche junge Frau in ihr Heimatdorf zurückkehrt.
Frears und seine Autorin Moira Buffini haben sich in der Charakterisierung der Figuren sehr eng an Simmonds’ Vorlage gehalten, die Absurditäten allerdings noch ein wenig weitergetrieben und die Geschichte noch stärker in Richtung Komödie ausgebaut. Dabei orientiert sich der Film an klassischen Formen des 16. und 17. Jahrhunderts: Ganz offensichtlich haben sich die Paare – für jedermann mit Ausnahme der Beteiligten erkennbar – anfangs in falschen Konstellationen zusammengefunden, was der Film mit fortschreitender Handlung dann zurechtrücken wird. Allerdings bedarf es dazu auch zweier weiblicher Teenager, die wie Pucks Verwirrung stiften und gleichzeitig als eine Art Zwei-Personen-Chor die Vorgänge kommentieren.
Die Dialoge sind witzig, und die Schauspieler verkörpern ihre Figuren mit Verve: Roger Allam überzeugt als ebenso blasierter wie verlogener Krimiautor, der bei seinen Ausbruchsversuchen aus einem eintönig langweiligen Leben gleichwohl eine nachvollziehbare Gestalt bleibt, zumal Tamsin Greig als dessen Ehefrau Beth ihre in jeder Hinsicht patente Tüchtigkeit immer weiter ins Groteske treibt. Selbst Gemma Arterton, eine auf eher langweilige Art hübsche, eher mäßig begabte Schauspielerin, passt in der Titelrolle perfekt: eben keine Femme Fatale, sondern ein Durchschnittsmädchen ohne allzu großes Selbstvertrauen, das die neugewonnene Wirkung auf Männer gern und reichlich auskostet und dabei doch immer etwas verloren wirkt.

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Immer Drama um Tamara“ im Kino in Berlin

Immer Drama um Tamara (Tamara Drewe), Großbritannien 2010; Regie: ­Stephen Frears; Darsteller: Gemma Arterton (Tamara Drewe), Roger Allam (Nicholas Hardiman), Bill Camp (Glen McCreavy); 111 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 30. Dezember

Mehr über Cookies erfahren