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Im Kino: „Inside Llewyn Davis“ von den Coen-Brüdern

Inside Llewyn Davis

Doch letztlich verweigern sie jeden Versuch, ein neues Werk einzuordnen in den Coen-Kosmos, so unverkennbar „Inside Llewyn Davis“ auch ihre Handschrift trägt. Mit herbstlichen Farben und der üblichen Liebe zum skurrilen Detail erschaffen sie die Textur einer isolierten Künstlerszene, die zaghaft in New Yorks Greenwich Village erblüht. Und folgen ohne moralische Wertung der Odyssee ihres Titelhelden, dessen Debütalbum wie Blei in den Regalen blieb, was ihn jede Nacht zum Aufspüren einer neuen Couch zum Übernachten zwingt. Ein Frühzeit-Hipster, wenn man so will, der allmählich den Glauben an seine Schaffenskraft zu verlieren droht, während ihn eine Geliebte (Carey Mulligan) als Waschlappen beschimpft, sein Agent ihm zu echter Arbeit rät und ihm ein heroinsüchtiger Jazzmusiker (John Goodman) eine mögliche, schwarze Zukunft aufzeigt.
Wie alle wichtigen Filme der Coens besticht auch „Inside Llewyn Davis“ durch ein ganzes Panoptikum an Figuren, von denen jede ihren eigenen Film verdient hätte. Doch wo es leicht wäre, sich lustig zu machen über gitarrenzupfende Landeier, die hier noch nichts ahnen können von der musikalischen Revolution, die bald vom Greenwich Village ausgehen wird, lassen die Coens keinen Zweifel an der Integrität ihres Personals. In voller Länge werden Songs eines vorzüglichen Soundtracks vorgetragen, allesamt selbst eingesungen von Profis wie Justin Timberlake und Musiknovizen wie Hauptdarsteller Oscar Isaac.
Inside Llewyn Davis„Keine Sekunde stand zur Debatte“, erklärt Joel Coen, „es so zu machen wie bei ‚O Brother …‘, als George Clooney nur lippensynchron zu Fremdgesang agierte. Hier hingegen war es für ein überzeugendes Porträt essenziell, die Musiker auch selbst bei der Performance zu erleben, weil sie dann Seiten ihrer Persönlichkeit ausdrücken, die sie anders nie zeigen könnten. Und wir wussten auch von Anfang an, dass wir lange, konzentrierte Musiksequenzen brauchten, um den Feinheiten des Folk Respekt zu verschaffen. Man kann schmunzeln über Strickpullover oder naive Lyrics, doch an der musikalischen Integrität von Llewyns Welt sollte kein Zweifel bestehen.“
Weil die Stammkraft Roger Deakins mit dem letzten „007“-Film beschäftigt war, wählten die Coens Kameramann Bruno Delbonnel, mit dem sie bereits bei ihrer Episode des Omnibusfilmes „Paris, je t’aime“ gedreht hatten. Doch wie fest ihre Kontrolle über Projekte nach bald zwanzig Filmen seit „Blood Simple“ (1984) zementiert ist, zeigt ihr Verhältnis zu Scott Rudin, dem mächtigsten Produzenten der US-Ostküste. „Scott hat uns einst den Roman ‚No Country for Old Men‘ zur Adaption vorgeschlagen und weiß besser als jeder Mensch auf der Welt, wann und wie man einen ungewöhnlichen Film ins Kino bringt. Doch vor allem ist er ein exzellenter Gesprächspartner, der ungewöhnlichen Entscheidungen vertraut. Er hält uns den Rücken frei von Filmstudio-Managements und Bürokraten, denn das Leben ist uns zu kurz für unnötige Erklärungen.“
Ein Selbstvertrauen spricht aus diesen Worten, von dem die meisten Filmemacher nur träumen können. Doch vielleicht ist ja die komplette Abwesenheit von Eitelkeit der wahre Schlüssel zum Können der Coens. Aus dem Rampenlicht eines Filmfestivals zu verschwinden, können sie jedenfalls kaum erwarten, als sich das Interview dem Ende zuneigt. Denn zu Hause in New York wartet keine Produktionsfirma, kein Berg von Projekten, kein Feilschen um Budgets für Prestigeprojekte. Sondern nur „eine kleine Idee für unseren nächsten Film, bei der wir selbst noch neugierig sind, wo sie uns hinführen wird“.

Text: Roland Huschke

Fotos: Alison Rosa / Studiocanal GmbH

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Inside Llewyn Davis“ im Kino in Berlin

Inside Llewyn Davis, ?USA 2013; Regie: Joel & Ethan Coen; ?Darsteller: Oscar Isaac (Llewyn Davis), ?Carey Mulligan (Jean Berkey), John Goodman (Roland Turner); 105 Minuten; FSK 6

Kinostart: 5. Dezember

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