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Im Kino: „Inside Llewyn Davis“ von den Coen-Brüdern

Inside Llewyn Davis

An sein erstes Mal in Cannes erinnert sich Joel Coen noch genau – so oft im Leben klaut man im legendären Hotel Du Cap schließlich keine Aschenbecher. „Das war noch vor ‚Arizona Junior'“, erzählt er, „unserem ersten Film beim Festival. Wir kamen wegen dem Dinner eines Finanziers und mussten nicht arbeiten, sondern starrten die ganze Zeit aufs Meer und konnten Erdbeeren essen. Es war wie Urlaub, unser schönstes Cannes. Und als Souvenir steckte ich mir diesen irre eleganten Aschenbecher ein, den habe ich bis heute. Sorry! Wir wussten ja nicht, ob wir noch mal wiederkommen.“
Knapp dreißig Jahre später kichert sein Bruder Ethan zustimmend in sich hinein und ist ansonsten weitgehend mit dem Dessert beschäftigt beim Exklusivinterview des tip. Wieder Erdbeeren in Schokolade, wieder ein Prachthotel an der Croisette. Nur von Urlaub kann keine Rede sein neben dicht getakteten Terminen rund um ihren nunmehr sechsten Cannes-Beitrag „Inside Llewyn Davis“. Nicht dass sie der Zirkus aus der Ruhe bringen könnte. „Man weiß nie, wie es läuft, weil buhen oder applaudieren kann, wer immer in Laune ist“, sagt Joel Coen, „aber letztlich sind Festivals ein Punkt des Prozesses. Wir schreiben, planen, drehen, schneiden und mischen unsere Filme. Dann kommt das Reden. Nicht unser favorisierter Teil der Arbeit, aber es gehört jetzt halt dazu.“
Dass diesen Part oft der pokergesichtige Joel mit staubtrockenem Humor übernimmt, wo Ethan einen Tick scheuer und misstrauischer bleibt – es ist die einzige Veränderung bei Begegnungen mit den Coens, die zu Beginn ihrer Karriere wie ein Mann zu sprechen pflegten. Keine Spur von Dissens seither, noch immer ist kein Moment überliefert, in dem die Coens krass gegensätzliche Meinungen vertreten hätten. Oder gar gestritten. Gewachsen ist daraus das mitunter mythisch überhöhte Bild einer kreativen Einheit – was sie mit amüsiertem Interesse zur Kenntnis nehmen, wie auch jeden Interpretationsversuch.
Inside Llewyn Davis„Oh, es ist nur ein Katze“, sagt Ethan zum Beispiel schulterzuckend, wenn man die Idee hinter dem unternehmungslustigen Tier ergründen möchte, das den Folksänger Llewyn Davis (Oscar Isaac) überfordert und ihm fast die Show stiehlt. Nur eine Katze, so wie der Hut nur ein Hut war in „Miller’s Crossing“, Barton Fink bloß ein Autor und das abrupte Ende von „No Country for Old Men“ nur Geplauder. Von den Coens wird man nie erfahren, was durchdachte Symbolik oder instinktive Schnapsidee ist, konsequent schützen sie sich und ihre Figuren, indem sie Analysen verweigern, sondern coole Spieler bleiben.
Joel spricht immer wieder von einem Spiel, wenn man dem Erfolgsgeheimnis der Coens auf die Schliche kommen will. Mit der kreativen Autonomie Woody Allens und der Genre-Bandbreite eines Tarantinos haben sie eine singuläre Position geschaffen, in der Komödie auf Drama auf Western auf Film Noir folgt, so selbstverständlich, dass keiner mehr staunt über virtuose Stilwechsel. Allein der fiskalische Rahmen ihrer Produktionen ist berechenbar, bewusst angesetzt am oberen Ende des sogenannten Independent-Kinos. „Wir wüssten ehrlich nicht, was wir damit anfangen sollten, wenn uns jemand 250 Millionen Dollar in die Hand drückt“, sinniert Joel Coen, „und ich bezweifle, dass wir Erfolg hätten. Es ist ein anderes Spiel hinter den Kulissen und wir wären nicht interessiert genug an einem Blockbuster.“
Was sie ursprünglich daran interessierte, in „Inside Llewyn Davis“ einem glücklosen Künstler bei seinen Überlebensversuchen in der New Yorker Folkszene zu folgen, behaupten sie hingegen nur lückenhaft zu erinnern. Kopfkratzend berichtet Ethan von Folkplatten, die sie als Kinder hörten, von vielen Büchern bei der Recherche und dem Wunsch, nach „O Brother, Where Art Thou“ erneut mit Roots-Guru T-Bone Burnett zu arbeiten. Aber wenn es über die Rahmenbedingungen einer Produktion hinaus um Einschätzungen ihres Schaffens geht, verstummen die Brüder in trauter Eintracht. Mag sein, dass der Musiker Llewyn Davis ähnlich hadert mit seiner Branche wie einst Barton Fink mit Hollywood. Und dass er als stolzer Mann eine Sinnkrise durchleidet wie unlängst erst ihr „A Simple Man“, gleichsam auf der Schneide von Tragik und Komödie lavierend.

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