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Im Kino: „Just the Wind“

Just the Wind

Es sei nur der Wind, beruhigt Mari ihre Kinder Anna und Rio. Draußen vor dem ärmlichen Häuschen, abgelegen am Waldrand und fern der Stadt, ist Hundegebell zu hören. Etwas raschelt. Es könnte tatsächlich der Wind sein.
Möglicherweise nur der Wind. Auch die Nachbarsfamilie wird das wohl angenommen haben. Kurz vor ihrer Auslöschung. Kurz bevor das Rollkommando kam und sie erschoss. Vater, Mutter, Kinder – von Schrotkugeln durchsiebt, ermordet, weil sie Roma waren. Es ist eben erst geschehen. Und es ist dieses Ereignis, unter dessen Eindruck Mari, Anna und Rio stehen, als Bence Fliegauf ihnen in „Just the Wind“ („Csak a szйl“) einen Tag lang folgt.
Fliegauf bezieht sich mit seinem bei der Berlinale 2012 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichneten Spielfilm auf eine Serie rassistisch motivierter Anschläge, die in Ungarn 2008/2009 auf Roma-Familien verübt wurden. Insgesamt 16 Behausungen wurden mit Molotow-Cocktails, Gewehren und Schrotflinten überfallen, 55 Menschen wurden angegriffen, fünf wurden verletzt, sechs starben. Fliegauf legt Wert auf die Feststellung, dass sein mit Roma-Laiendarstellern entstandener Film keine dokumentarische Rekapitulation damaliger Ereignisse sei, sondern eine auf diesen gründende Vorstellung. Die Vorstellung eines Tages im Leben einer Familie, die unter dem Eindruck der Ermordung ihrer Nachbarn versucht, weiter ihren Alltag zu leben.
Just the WindEs ist, nicht nur unter dieser Prämisse, ein besonderer Tag. Es ist zugleich aber auch ein ganz gewöhnlicher Tag, der den gewöhnlichen täglichen Rassismus, die gewöhnliche tägliche Verzweiflung und die furchtbar normal gewordene Angst zeigt. Alles wie immer also: Frühmorgens versorgt Mari ihren invaliden Vater, geht aus dem Haus und tritt ihren ersten Job bei der Autobahnmeisterei an, sie klaubt Müll vom Mittelstreifen. Später wird sie noch in der Schule ihrer Kinder putzen. Der dortige Hausmeister wird beiläufig bemerken, es stinke nach Aas, und den Ventilator auf sie richten. Auf dem Weg zur Schule wird Maris Tochter Anna, ein Teenager, vom Busfahrer gezwungen, dem Bus hinterherzurennen. In der Umkleide wird eine Mitschülerin von zwei Jungs überfallen, und Anna verlässt stumm den Raum. Nachmittags erzählt sie dem nach Kanada ausgewanderten Vater per Skype von den Übergriffen. Der Vater meint, sie solle Fenster und Türen geschlossen halten, und beweist damit, dass er keine Ahnung hat. Der elfjährige Rio dagegen will nicht kampflos aufgeben. Statt in die Schule zu gehen, kümmert er sich um die Ausstattung des von ihm eingerichteten Waldverstecks.
Just the WindAll dies wird aufgezeichnet von einer Kamera, die sich bewegt wie ein unruhig umherschnüffelnder Hund. Die dabei förmlich an den Figuren festklebt und kaum einmal mehr wahrnimmt als deren unmittelbare Umgebung. Der Mangel an Tiefenschärfe lässt einen instinktiv nach der Brille suchen, doch eine Brille hilft hier auch nichts mehr. Der Blick dieser Kamera zwingt einem eine klaustrophobische, unübersichtliche Perspektive auf Ausschnitte und Details auf. Alles bleibt immer fragmentarisch. Die Nervosität und die Beschränktheit dieses Blicks machen einen wahnsinnig. Nicht zuletzt, weil mit seiner Hilfe eine gesellschaftliche Situation beschrieben wird: ein Leben unter den Bedingungen von Ausgrenzung und Vorsicht, Misstrauen und Furcht.
Fliegauf geht mit „Just the Wind“ mitten hinein in die unschönen Verhältnisse, die der Rassismus schafft, und zeichnet Ungeheuerliches und ungeheuerlich Normales auf. Er zeigt Körper, die sich klein und unauffällig zu machen suchen, verschlossene Gesichter, in denen die Münder nur noch Striche sind, die Augen immer niedergeschlagen und beinah leer, und er zeigt, wie und warum diese Körper, Gesichter, Münder und Augen so wurden. Er zeigt strukturelle Gewalt, an diesem einen Tag beispielhaft konkretisiert. Das ist weder schön anzuschauen noch leicht zu verstehen noch simpel gedacht. Es ist aber auch die Chance, sich einem profund unangenehmen Gefühl auszusetzen: dem Gefühl, Opfer zu sein.

Text: Alexandra Seitz

Fotos: Peripher Film

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Just the Wind“ im Kino in Berlin

Just the Wind (Csak a szйl), Ungarn/Deutschland/Frankreich 2012; Regie: Bence Fliegauf; Darsteller: Katalin Toldi (Mari), Gyöngyi Lendvai (Anna), Lajos Sбrkбny (Rio); 98 Minuten; FSK k. A.

Kinostart: 18. Juli

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