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Im Kino: „Kirschblüten und rote Bohnen“

Kirschblüten und rote Bohnen

Außen flaumig, innen süß: Das ist das Geheimnis von Dorayaki, einer Speise, die in Japan einen ähnlichen Status wie die Currywurst in Berlin hat. Die süße Füllung besteht aus einer Bohnenpaste, für deren Zubereitung man sich Zeit nehmen muss. Man kann sie aber auch im Großhandel finden. Das ergibt dann Dorayaki minus spirituelle Bedeutung. In Naomi Kawases Film „Kirschblüten und rote Bohnen“ hingegen wird regelrecht ein Kult um Dorayaki betrieben. Sentaro ist ein Einzelgänger in mittleren Jahren, der an einem Imbiss tagtäglich für Schulmädchen und andere Passanten diese süßen Pfannkuchen zubereitet. Eines Tages taucht eine alte Frau auf, die sich als Aushilfe anbietet. Bald stellt sich heraus, dass sie eine einmalige Bohnenpaste macht. Sie hat aber auch einen Makel: Sie leidet unter der Hansen-Krankheit, die lange volkstümlich als Lepra bezeichnet wurde. Drei Generationen kommen zusammen, und zwei Pole japanischer Kultur: gedankenloser Konformismus und noble Einsamkeit.
Das hat mit der „Mission“ zu tun, wie sie von Naomi Kawase in einem Gespräch bezeichnet wird, das am Rande des Toronto International Filmfestivals möglich wurde. Während einer Taxifahrt über den Don Valley Parkway zum Japanischen Kulturinstitut, das inmitten einer der typisch kanadischen Mall & Highway-Vorstädte liegt, sich davon aber markant unterscheidet. Selbst an einem so geschäftsmäßigen, diplomatischen Ort suggeriert Japan vor allem eines: Distinktion. Naomi Kawase ist dann aber, entgegen einem Ruf, der ihr gelegentlich vorauseilt, ganz entspannt und antwortet ausführlich. Und sie hat auch jemanden mitgebracht: Kirin Kiki, die Hauptdarstellerin, eine hinreißende Dame, die begeistert erklärt, dass die interessant aussehende Krawatte, die sie trägt, von einem beliebten japanischen Rugby-Team stammt, und dass sie sie auf einem Flohmarkt gefunden hat. Sie gefiel ihr einfach, mit Rugby hat sie selbst aber nichts zu tun.
„Die alte japanische Kultur als Erbschaft anzunehmen und weiterzugeben, das ist meine Mission“, sagt Naomi Kawase. Die Frage galt den zwei Kulturen, die von Japan global sichtbar sind: die traditionelle Kultur und die häufig überbordende Popkultur, wie sie von Filmemachern wie Sion Sono vertreten wird. „Das hat viel mit Tokio zu tun, Japan ist außerhalb der Hauptstadt ganz anders“, sagt Kawase. „Ich lebe in Nara, der ältesten Stadt des Landes. Dort gibt es viele Altertümer, viele heilige Orte. Es herrscht ein anderer Geist.“
Ihre Filme kommen bei einem internationalen Publikum häufig deswegen so gut an, weil sie Authentizität suggerieren. Eine Anmutung, die auf konkreter Arbeit beruht, wie sie am Beispiel von „An“, wie „Kirschblüten und Bohnenpaste“ im Original heißt, erläutert: „Die Zubereitung der Bohnenpaste musste von den Schauspielern tatsächlich gelernt werden, das heißt dann auch, nachts um zwei Uhr aufzustehen, und die Geduld aufzubringen, die erforderlich ist. Nur dann glaubt man ihnen diesen Ausdruck des Erstaunens, wenn sie sie zum ersten Mal probieren“ Gibt es dazu noch ein spezielles Geheimnis, das Kirin Kiki hat, die Darstellerin der Tokue? „Sie macht einfach immer mehr, als das Drehbuch verlangt. Sie ist spontan, das erwarte ich von meinen Darstellern.“ Kirin-san, wie die Dolmetscherin sie immer nennt, sitzt daneben und gibt eine andere Erklärung für ihr Charisma: „In Japan wollen die Schauspieler nicht älter werden. Ich aber wehre mich nicht dagegen. Deswegen bekomme ich immer noch so viele Rollen.“
Kirin Kiki ist in Japan vor allem aus dem Fernsehen bekannt, sie kannte aber noch das klassische Studiosystem, in dem Meister wie Ozu oder Kurosawa gearbeitet haben. Der Vergleich mit Ozu verfolgt Naomi Kawase ein bisschen, dabei kommt sie aus einem ganz anderen Zusammenhang. „Ich habe mit persönlichen, autobiographischen Filmen begonnen, der Akt des Aufzeichnens war für mich entscheidend, und das war auch meine Lehre. Mit den ersten Veröffentlichungen ergaben sich neue Möglichkeiten, und so wurde ich allmählich zu einer richtigen Filmemacherin.“ Es gibt auch einen Zeitgenossen, mit dem sie häufig verglichen wird: Hirokazu Kore-eda, der japanisches Kino in seinen Traditionen geradezu zu studieren scheint. „Darin würde ich auch einen Unterschied sehen. Er ist ein Wissenschaftler des Kinos, er interessiert sich für Konstruktion. Ich hingegen möchte Emotionen zeigen und verstehen. Vielleicht liegt es daran, dass er ein Mann ist, und ich eine Frau bin.“ Eine Gemeinsamkeit ist aber auch zwischen Hirokazu Kore-eda und Naomi Kawase unübersehbar: Sie nehmen die Zubereitung von Speisen ungeheuer ernst. Hier gründet die wahre Spiritualität im Materiellen.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Orte und Zeiten: „Kirschblüten und rote Bohnen“ im Kino in Berlin

Kirschblüten und rote Bohnen (An), Japan/Frankreich/Deutschland 2015; Regie: Naomi Kawase; Darsteller: Kirin Kiki (Tokue), Masatoshi Nagase (Sentaro), Etsuko Ichihara ?(Yoshiko); 113 Minuten

Kinostart: Do, 31. Dezember 2015

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